Aufsatz 
Über die Behandlung einiger Abschnitte der deutschen Grammatik auf der unteren Stufe höherer Lehranstalten / von Ludwig Tachau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

XIV

familien gar nicht eher einordnen laſſen, als man nicht die Zeit für gekommen hält, den Schülern etwas über den Bedeutungswandel zu ſagen. Das gilt z. B. für Muße. Dies Wort gehört zu müſſen, das urſprünglich bedeutet:Platz, Spielraum haben; daraus hat ſich dann leicht der BegriffGelegen⸗ heit, Zeit haben, können entwickelt und hieraus wiederumbeſtimmt werden, genötigt werden, müſſen. (Nach Bauer, Gramm.§ 95c.) Ein ſolches Beiſpiel paßt nur für die obere Stufe, aber in manchen Fällen kann auch ſchon früher auf den Bedeutungswandel hingewieſen werden; ſo iſt ſchon dem Quintaner zu ſagen, daß Gift urſprünglich nur das Gegebene, die Gabe bedeutet, wie heute noch in der Zuſammenſetzung Mitgift; oder daß fahren früher auch von einer Bewegung geſagt wurde, die zu Fuße geſchah, vgl. noch heute in Wallfahrt.

Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier alle die Punkte, in denen der Unterricht ſprach⸗ geſchichtliches zu berückſichtigen und zu verwerten hat, auch nur flüchtig ſtreifen wollte und verweiſe der Kürze halber auf Münchs oben genannten Aufſatz, deſſen Forderungen in den meiſten Punkten nicht zu weitgehend ſind. So etwas intereſſiert die Schüler mehr, und es kommt dabei auch mehr heraus als wenn man es für ſeine Aufgabe hält, ſie mit ſubtilen Tifteleien, ob etwas präpoſitionales Objekt oder adverbiale Beſtimmung iſt und dgl. zu langweilen und zu quälen)). In der Regel wird man bei Beſprechung derartiger Erſcheinungen möglichſt viele ſtammverwandte Wörter heranziehen: auch hier wird ſich alſo der Nutzen zeigen, wenn ſchon von unten herauf fleißig Wortfamilien zuſammengeſtellt worden ſind.

Das ſind die Vorteile, die ſich aus einem ſolchen Betrieb der Wortbildungslehre ergeben. Wie viel mehr empfiehlt ſich doch derartiges, als jene Art von Üübungen, die eine Zeit lang ſo recht in Mode war, und die man noch jetzt in manchen Orthographie⸗Büchern angeprieſen findet, wie z. B. die Waren waren nicht mit ihrem wahren Werte angegeben; heute ging ein Heide über die Heide, der trug getrocknete Häute, eine nichtsſagende Spielerei mit gleich⸗ oder beſſer geſagt in ihrer Zuſammenſtellung nur übelklingenden Wörtern, die dem Schüler, wenn es ihm etwa einfallen ſollte, ſie in einem Aufſatze ſo nebeneinander zu gebrauchen, nur etliche rote Striche ſeitens des Lehrers eintragen würden! Was auf dem Papier ſo leicht und ſelbſtverſtändlich ausſieht, wird ſich zwar im Unterrichte oft als mit mancherlei ungeahnten Schwierigkeiten und Hinderniſſen geſpickt herausſtellen. Gerade das aber, meine ich, müßte uns nur beſtärken, ſolchen übungen auch im Unterricht auf höheren Schulen ihre Stelle anzuweiſen und ſi nicht als zu gewöhnlich ganz zu verwerfen. Und wenn der gute Wille da iſt, ſo wird ſich auch Zeit dafür finden. Ja die auf ſie verwandte Zeit und Mühe wird ſich ohne jede Frage weit mehr lohnen, als wenn man ſich lange damit aufhält, die Präpoſitionen nach der Reihe herzählen zu laſſen, oder für jeden lateiniſchen Namen der Wortarten kritiklos alle altüberlieferten deutſchen Bezeichnungen einzuprägen, oder endlich die Kinder mit der Unterſcheidung von nackten und erweiterten einfachen Sätzen zu quälen²) und was manche andere von den Grammatiken geforderte minder wichtige Dinge ſind.

II. Zur Satzlehre. Als Hauptgrundſatz hat zu gelten, daß alle grammatiſche Belehrung vom Satze auszugehen hat⸗ Mit einer Definition vonSatz, wie man ſie gemeiniglich in den Grammatiken an der Spitze der Satzlehre findet, zu beginnen, iſt nicht ratſam. Vielmehr kommt es im Anfange weſentlich darauf an, den

¹) Es empfiehlt ſich vielleicht, an eine vom Lehrer vorgenommene ſorgfältige Zuſammenſtellung und Auswahl von altertümlichen Formen, die in der Lectüre begegnet ſind, eine Wiederholung der Laut⸗ und Flexionslehre auf der oberen Stufe anzuknüpfen.

²) Daß dieſe Unterſcheidung ganz wertlos iſt, hat ſchon Geiger bemerkt(Progr. 1870 S. 24); vgl. auch Kern, Satzl. S. 95.