Aufsatz 
Die Schule und die Tagesfragen
Entstehung
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Nach einer andern Anſicht wäre der Zweck der Schule hauptſächlich der, gläubige Glieder einer Religionsgemeinſchaft und gehorſame Unterthanen einer Staatsregierung zu bilden. Hiernach hätte ſie recht feſt einzuprägen, was die Kirche glaube und der Staat verlange. Aber dies könnte geſchehen, ohne daß dabei ſonderlich die Kraft des Geiſtes geübt, das Gemüth erhoben, der Wille geſtärkt werde. Wir verwerfen auch dieſe Anſicht von der Schule, als eine zu niedrige, beſchränkte. Wir glauben auch nicht, daß durch die Leitung einer ſolchen Schule, die nur dies im Auge hat, der Schüler fähig gemacht werde, ſpäter als Mann frei und kräftig zu handeln.

Soll nun vielleicht der Lehrer bei ſtreitigen Punkten den Schülern ſeine eigene, ſubjektive An⸗ ſicht vortragen und dieſe ſo zu begründen ſuchen, daß ſie auch die Anſicht der Schüler werde? Gegen ſeine eigene Anſicht darf er allerdings nicht ſprechen; er würde ſonſt gegen die Wahrhaftigkeit ver⸗ fehlen und ſeinen Schülern hierin ein ſchlimmes Beiſpiel geben. Aber jenes Verfahren hat doch auch ſeine Bedenken. Angenommen, dem Lehrer ſage auf naturwiſſenſchaftlichem Gebiete die Anſicht Darwins zu. Wenn er nun da in der Weiſe Darwins und derer, die noch weiter gegangen ſind als er ſelbſt, vom Kampf ums Daſein und der Erzeugung der Arten ſprechen wollte, ſo käme er auf ein Feld, wo ihm ſeine Schüler nicht folgen können: ſie haben noch kein Verſtändniß dafür. Wenn er einen anregenden Unterricht zu geben weiß, ſo wird allerdings die Jugend begierig lauſchen, und ſie wirdauf des Meiſters Worte ſchwören. Aber das wollen wir ja eben nicht erzielen. Oder wenn der Lehrer auf ſtaatlichem Gebiete das Heil in der unumſchränkten Herrſchaft eines Ein⸗ zelnen ſieht, und er wollte nun recht grell alles Unheil, das durch Freiſtaaten geſtiftet worden ſei, ausmalen: dann würde er unter ſeinen Schülern blinde Nachbeter haben, außerdem vielleicht aber auch manche, die, von anderer Anſicht beeinflußt, ihm nun gar nichts mehr glauben.

Allerdings muß der Lehrer, der ja auch Mitglied einer Familie, Staatsbürger, Genoſſe einer Religionsgeſellſchaft iſt, für ſich ſelbſt, wie jeder Mündige, zu allen Streitfragen auf jedem der betreffenden Gebiete Stellung nehmen; aber ſeine Schüler ſoll er nicht zu einſeitigen Parteimännern zu bilden verſuchen.

So ſollte man alſo vielleicht verſchiedene Anſichten vortragen, nebſt den Gründen für und wider die eine und die andere, und die Schüler, indem man ſich an ihren Verſtand wendet, wählen laſſen? Dieſes Verfahren empfiehlt Montaigne(15331592), der allerdings nicht ſowohl Schüler einer Schule, als vielmehr einzelne Zöglinge unter der Leitung von Erziehern im Auge hatte, und von dem ferner zu bemerken iſt, daß er nicht ſelbſt Lehrer war. Er ſagt*):Der Hofmeiſter laſſe den Zögling jede Meinung prüfen und ſetze ihm nichts in den Kopf, was bloß auf Autoritätsglauben fußt. Er muß ihn ebenſo wenig auf ein Prinzip des Ariſtoteles als auf ein Prinzip Epikurs oder der Stoiker ſchwören laſſen. Er lege ihm die Verſchiedenheit der Meinungen vor; kann er darunter wählen, um ſo beſſer; wo nicht, ſo mag er zweifeln.

Es kann dieſes Vorlegen verſchiedener Anſichten und Wählenlaſſen wohl manchmal geſchehen, z. B. indem man vom ptolemäiſchen und vom kopernikaniſchen Weltſyſtem ſpricht, oder indem man Herſchels Anſicht von der Natur des Sonnenkörpers und ihr entgegen die neuere, die ſich in Folge von Kirchhoffs Entdeckungen gebildet hat, darlegt, oder auch etwa indem man mit den verſchiedenen Erklärungen der Meteorſteinfälle bekannt macht. In dieſen Fällen befähigt die Knaben ihr erlangtes

*) K. v. Raumer, Geſch. d. Pädagogik. 2. Aufl. I. Thl. S. 357.