Die Schule und die Cagesfragen.
Die Schule darf vor keiner Erſcheinung im Leben unſeres Volkes ihre Augen verſchließen. Nicht zwar ſo, als wollte ſie, ſich überhebend, unmittelbar eingreifen, ſo daß durch ſie Veränderungen in den Anſchauungen und alſo auch im Handeln herbeigeführt würden. So darf ſie z. B. nicht die Entwickelung der Sprache feſtſetzen wollen, ſie darf nicht eine neue Rechtſchreibung einführen, nicht ein neues geologiſches Syſtem aufſtellen. Aber was ſich neu bildet, das muß ſie, iſt es zu einigem Beſtand gekommen, aufnehmen, und ſie muß achten auf neue Erſcheinungen und zuſehen, ob ihr die⸗ ſelben dienen zur Belehrung oder auch zur Warnung. Und neuer Erſcheinungen, neue Anſichten, neue Grundſätze gibt es ja immer. Das Wort des alten Heraklit, daß„alles fließt“, hat ſeine Wahrheit. Schon in der äußeren Natur verändert ſich, ſchneller oder langſamer, alles: der Lauf der Flüſſe, die Geſtalt und Höhe der Berge, der Pflanzenwuchs und das Thierleben eines Landes. Mehr noch verändert ſich im Leben der Menſchen, in ihren Anſichten uüber die höchſten Dinge und über die äußere Welt, in den vielfachen Verhältniſſen, in denen ſie unter einander ſtehen, in den Beziehungen, die ſie zu einander haben.
Solche Aenderungen hat es von jeher gegeben; zu keiner Zeit aber vielleicht ſo viele wie jetzt. Auf allen Gebieten, auf dem der Religion, der Naturwiſſenſchaft, des Staates, der geſellſchaftlichen Verhältniſſe ſtehen ſich verſchiedene Anſichten ſchroff gegenüber; manche Lehre, die feſt gegründet ſchien, wird erſchüttert; Neues taucht auf und ſtrebt immer größeren Boden zzu gewinnen. Hin und her wogt der Streit der Meinungen.
In dieſen Streit nun iſt unſre heranwachſende Jugend geſtellt. Unſere Knaben ſollen Männer werden. Sie ſollen dann ſelbſt ein Urtheil haben über die Fragen, die unſere Zeit bewegen, und ſollen nach ihrer Ueberzeugung handeln als Glieder einer Familie, eines Staates, einer Religions⸗ geſellſchaft, und überhaupt in allen Verhältniſſen des Lebens.
An die Schule tritt nun die Frage heran: Wie machen wir die Jugend fähig, ſich eine feſte Anſicht zu bilden und dieſer getreu zu handeln?
Es könnte zwar bezweifelt werden, ob die Schule dieſe Aufgabe habe; ſie ſei ja nur dazu da, beſtimmte Kenntniſſe zu geben.— Ich glaube nicht, daß es nöthig iſt, dieſer Anſicht entgegenzutreten; denn die Schule hat ja nicht bloß zu unterrichten, ſie hat auch zur Erziehung des ganzen Menſchen beizutragen. 3


