Aufsatz 
Dem Andenken des Direktors Dr. Ludwig Voigt, gestorben am 1. Dezember 1908. Gedächtnisrede, gehalten bei der Trauerfeier der Städtischen Handelslehranstalt am 4. Dezember 1908
Entstehung
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l. Dem Andenken des Direktors Dr. Ludwig Voigt

gest. am I. Dezember 1908.

Cedächtnisrede,

gehalten bei der

Trauerfeier der Städtischen Handelslehranstalt am 4. Dezember 1908 von Prof. Dr. S. Gräfenberg.

Durch die Straßen der Städte

Vom Jammer gefolget,

Schreitet das Unglück

Lauernd umschleicht es die Häuser der Menschenà Heute an dieser Pforte pocht es, N

Morgen an jener, Aber noch keinen hat es verschont. Die unerwünschte schmerzliche Botschaft, Früher oder später, Bestellt es an jeder Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt. (Braut von Messina.)

Hochgeehrte Trauerversammlung, liebe Schüler und Schülerinnen! Acht Monate sind verflossen, seit wir uns zuletzt an dieser Stelle zusammenge- funden haben. Damals, am Schluß eines langen, für jeden von uns an Arbeit über reichen Schuljahres, galt es Abschied zu nehmen von denjenigen Schülern und Schüle- rinnen, die das Ziel der Anstalt erreicht hatten und nun hinaustreten wollten in die Praxis des Lebens, in den Kampf ums Dasein, zu dem sie bei uns das Rüstzeug empfangen hatten. Befand sich unser allverehrter Herr Direktor Voigt damals auch schon wieder auf dem Wege der Genesung von langer Krankheit, so durfte er sich doch den Anstrengungen und Aufregungen, die eine Entlassungsfeier mit sich bringt, nicht aus- setzen, und er blieb daher der Veranstaltung fern. Aber im Geiste waren wir bei ihm, und unsre Wünsche galten seiner baldigen und völligen Wiederherstellung. Fast schien es, als sollten seine und unsre Hoffnungen sich erfüllen. Denn er konnte allmählich wieder den größten Teil seiner zahlreichen Pflichten übernehmen und sie, wie es schien, ohne Ueberanstrengung erfüllen; wird einem doch alles leicht, was man gern tut.

Aber unsre Hoffnung hat uns getäuscht, und dem arbeitsreichen und arbeitsfreudigen Leben hat der unerbittliche Tod, uns allen unerwartet schnell, ein Ziel gesetzt. So müssen wir denn an dieser Stelle wiederum Abschied nehmen, nicht aber von lebensfrohen und lebenskräftigen Jünglingen und jungen Mädchen, die ins Leben hinaustreten; nein, es gilt eine schmerzliche Trennung auf immer von einem Manne, der uns allen nahe gestanden hat. Und wie wir einem guten Preunde, der von uns geht, noch lange nachblicken, ehe wir an unser Tagewerk zurückkehren, so wollen auch wir in dieser ernsten Stunde, wo die sterbliche Hülle des Entschlafenen in seiner Heimat Nähe zur ewigen Ruhe gebettet wird, uns noch einmal das Bild des Verstorbenen vor die Seele führen.

Seine Bedeutung als Schulmann läßt sich dahin zusammenfassen, daß er einer der tüchtigsten Vertreter und Förderer des Handelsschulwesens in Deutschland und Oesterreich gewesen ist. In Borna bei Leipzig wurde Ludwig Voigt am 10. Juli 1860 geboren. Nachdem er das Realgymnasium in Dresden-Neustadt besucht hatte, widmete