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Hannover, Prorector Dr. Feußner zu Marburg waren durch Geſundheits⸗Rückſichten am perſön⸗ lichen Erſcheinen gehindert und mußten ſich begnügen, ihre Theilnahme und Segenswünſche ſchrift⸗ lich auszudrücken. Aus der Stadt waren die Spitzen und Vertreter der Königlichen und ſtädtiſchen Behörden faſt vollſtändig, außerdem aber auch eine große Anzahl von Freunden und ehemaligen Schülern der Anſtalt erſchienen; aber auch aus den übrigen Ortſchaften der Grafſchaft hatten ſich zahlreiche Vertreter eingefunden, um ihre Theilnahme an dem für Rinteln ſo erfreulichen Ereigniß kund zu geben.
Um 9 Uhr Vormittags zogen die Schüler der Anſtalt in Reih und Glied unter Führung des Turnlehrers Herrn Roſenſtock und unter dem Vortritt der Horn⸗Muſik des Bückeburger Jäger⸗Bataillons durch die mit Fahnen feſtlich geſchmückten Straßen über die Weſerbrücke vor die Wohnung der Frau Wittwe Deetjen, welche ſich um die Anfertigung der Schul⸗Fahne in ganz beſonderer Weiſe verdient gemacht hatte. Hier wurde die Fahne von einer Deputation von Frauen und Jungfrauen durch Fräulein A. Suchier mit einem auf die Inſchrift Deo. regi, literis,*) bezüglichen Segenswunſch überreicht, mit einem Hoch auf die Geberinnen in Empfang genommen und darauf in feſtlichem Zuge nach dem alten Gymnaſial⸗Gebäude gebracht. In der Aula deſſelben fand nunmehr vor den geladenen Ehrengäſten, ſoweit ſie der Raum faßte, den ſämmtlichen Schü⸗ lern und Lehrern eine kurze Abſchiedsfeier ſtatt, welche ſich ganz an den Gang anſchloß, den die täglich an dieſer Stätte abgehaltenen gemeinſamen Morgen⸗Andachten zu nehmen pflegten. Der Gymnaſial⸗Chor ſang die Doxologie, darnach die Gemeinde die beiden erſten Verſe des Liedes: „O, daß ich tauſend Zungen hätte“, worauf die Lection des 100. Pſalm und ein kurzes Dankgebet des Unterzeichneten folgte; die beiden erſten Verſe des Rinteln'ſchen Kernliedes:„Ach bleib' mit deiner Gnade“, deſſen Verfaſſer Joſua Stegmann einſt in denſelben Räumen gelehrt hatte, beſchloſſen die Feier.
Darauf ordnete ſich der Feſtzug vor dem alten Gebäude und begab ſich unter Muſik⸗Be⸗ gleitung vor das Haupt⸗Portal des neuen Gebäudes, deſſen Front mit friſchen Tannen decorirt war. Nachdem hier der 1. Vers des Liedes:„Allein Gott in der Höh ſei Ehr“ geſungen war, empfing der Provinzial⸗Schulrath Dr. Rumpel den Schlüſſel zum Gebände aus der Hand des Bau⸗ meiſters Herrn Baurath Raſchdorff, übergab denſelben mit einem kurzen Segenswunſch dem Königlichen Landrath Herrn Kröger, als dem Repräſentanten der Königl. Verwaltungs⸗Commiſſion, welcher denſelben ſeinerſeits wiederum dem Unterzeichneten, als dem Director der Anſtalt einhändigte. Darauf begab ſich die ganze Feſt⸗Verſammlung in die Aula, bei dem Eintritt in dieſelbe von den ernſten Klängen des Harmoniums begrüßt. In dieſen ſtattlichen Räumen der neuen Aula fand nunmehr der eigentliche Feſtact ſtatt. Er wurde auch hier mit der Doxologie durch den Gymnaſial⸗ Chor eröffnet; nachdem ſodann die Gemeinde den 1. und 2. Vers des Liedes:„Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“, geſungen hatte, betrat der lutheriſche Orts⸗Pfarrer Herr Bicker das Katheder, verlas den 111. Pſalm und ſchloß daran das nachfolgende Weihegebet.
„Ja, Herr, dreieiniger Gott, wir loben und preiſen Deine Güte und Treue, daß Du uns dieſen Tag gemacht haſt, damit wir uns freuen und fröhlich darin ſind. Du haſt unſere Gebete erhört, als wir in Deinem Namen den Grundſtein legten zu dieſem Hauſe— und es mit Allen, die daran wirkten und bauen ſollten, Deiner heiligen Obhut befohlen. Du haſt Deine allmächtige
*) Die Fahne aus weißer Seide zeigt in geſchmackvoller Stickerei einen Kranz von Neſſel⸗Blättern mit
Beziehung auf das Wappen der Grafſchaft Schaumburg; der Kranz umſchließt die oben angegebenen Worte: deo, regi, literis und die Jahreszahl 1876.


