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Wahl der geeigneten Gruppe werden, zumal wenn der Rat der Lehrer der Obersekunda gehört wird, nicht leicht vorkommen. Wo es der Fall ist, ist die Sache kaum so schlimm, als wenn die rechte Wahl der Schule von Plaus aus verfehlt ist, was ja oft genug vorkommt.
Vor einem soll aber noch ausdrücklich gewarnt werden. Die Wahl der Gruppe soll nicht nach Nützlichkeitsrücksichten geschehen. Nicht die Frage, was kann ich am besten gebrauchen, soll maßgebend sein. Der zukünftige Beruf wird in den meisten Fällen am Ende der Obersekunda noch nicht feststehen. Er soll auch nicht das Maßgebende sein. Maßgebend soll die Frage sein: „in welchem Hauptfach(Sprachen oder Mathematik und Naturwissenschaften) glaube ich das Beste leisten und meine geistigen Kräfte am besten entwickeln zu können!“ Kommt der Schüler nachher zu einem Beruf, für den vielleicht doch die andere Gruppe besser gepaßt hätte, so bedeutet das nichts anderes, als wenn ein Gymnasiast oder ein Oberrealschüler einen Beruf wählen, für den die betreffende Schule nicht eben am direktesten vorbereitet hat. Die Bildung, welche überhaupt durch die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen erworben werden kann, wird sowohl durch die eine als auch durch die andere Gruppe bewirkt werden können. Und am besten dann, wenn diese geistige Arbeit getragen wird von dem Interesse des Schülers.
Daß aber der angehende Primaner selbst eine Wahl treffen soll, betrachten wir als einen der größten Vorteile der freieren Unterrichtsgestaltung. Er wird dieser Wahl unzweifelhaft ernst- haftes Uberlegen widmen, er wird sich selbst prüfen und darnach seinen Entschluß fassen müssen. Daß er aber damit eine gewisse Selbstverantwortung für seine Zukunft übernimmt, ist für ihn äußerst bedeutungsvoll und wird nicht ohne Einfluß auf seine Arbeit bleiben. Pleute muß der Schüler bis zum Ende der Schullaufbahn hinnehmen, was ihm geboten wird. Dann mit einem Male steht er vollständiger Lernfreiheit gegenüber, meist wird ihm nicht einmal ein Studienplan geboten. Dieser Ubergang ist doch wahrlich zu unvermittelt! Da ist's für ihn wertvoll, schon zwei Jahre vorher eine eigne Entscheidung über seine Arbeiten treffen zu müssen, es ist wertvoll für ihn, sich von da an trotz der vorgeschriebenen Lehrziele freier in den Hauptfächern bewegen zu können, an größeren Arbeiten sich zu versuchen und darin eine spätere Tätigkeit auf der Hoch- schule vorzubereiten. So wird der Ubergang zur Plochschule und nicht minder zum praktischen Leben gemildert und der Jüngling aus der Sphäre des Nur-Schülers herausgehoben.
Der Versuch mit dem neuen Lehrplan soll zunächst mit der Unterprima begonnen werden, um dann im nächsten Jahre auf die Oberprima ausgedehnt zu werden. Als ein Versuch ist das Ganze anzusehen. Und nur praktische Versuche können in letzter Linie über die Zweckmäßigkeit der freieren Unterrichtsgestaltung entscheiden. Insbesondere bedarf auch die Frage des Abiturientenexamens, das natürlich für beide Gruppen mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes getrennt abzuhalten sein wird, einer gründlichen Prüfung an der Fland des im Unterricht Er- reichten.


