Der neue Unterrichtsplan für die Prima.
Wir haben seit dem Jahre 1001 drei gleichberechtigte 9 klassige Schulen, das altsprachliche Gynmasium, das Realgymnasium und die Oberrealschule, und es scheint daher, daß wenigstens in den Städten, in denen alle diese Schularten vorhanden sind(dazu gehört auch Wiesbaden), eine ausreichende Freiheit des Bildungsweges gewährleistet sei. Die Entscheidung über die Wahl der Schule fällt jedoch in ein so frühes Alter, daß von einer planvollen Anpassung an die Fähigkeiten und Neigungen der Schüler nicht wohl die Rede sein kann. Aber auch abgesehen davon sind die Lehrpläne aller dieser Schulen keineswegs von ausgeprägter Eigenart, sondern sie zeigen alle, dem Bedürfnis einer sogenannten allgemeinen Bildung Rechnung tragend und der gewaltigen Ent- wicklung der Wissenschaften folgend, eine Vielseitigkeit, welche den Schüler zur gleichmäßigen Berücksichtigung einer Reihe von Fächern zwingt, wie sie im allgemeinen nur auf Kosten der wissen- schaftlichen Vertiefung und der selbständigen Arbeit geschehen kann. Gewiß wird es immer einzelne intellektuell besonders Begabte geben, die ebensowohl den sprachlichen Teil des Unterrichts wie den mathematisch-naturwissenschaftlichen gut bewältigen. Sie werden das in der Regel mehr der Leichtigkeit und Anschmiegsamkeit ihres Denkens als der Kraft eignen Suchens zu verdanken haben, und gerade sie stehen oft am Ende der Schule in Verlegenheit, was sie eigentlich weiterstudieren sollen. Ich bin nicht mit Paul Cauer*) der Meinung, daß auf diesen Schülern hauptsächlich die Hofinung der Zukunft beruhe. Ich bin vielmehr der Meinung, daß zwar nicht Einseitigkeit aber doch eine gewisse Konzentration der geistigen Bildung um einen Mittelpunkt individueller zur Produktivität drängender Gaben, die Führer der Nation macht.
Nun hat es die Schule aber nicht bloß mit der Ausbildung solcher führenden Geister zu tun. Sie ist vielmehr vor die Aufgabe gestellt, geistig regen jungen Leuten eine Ausbildung zu geben, die sie nachher befähigt, selbständig weiterzuarbeiten, eine Aufgabe, die freilich infolge des immer ärger werdenden Zwangs, das Abiturientenexamen zu machen, und der Not, einen Berechtigungs- schein zu erhalten, immer schwerer zu erfüllen ist, weil keine Auslese der Schüler mehr stattfinden kann. Was die Schule aber an erster Stelle in den Schülern erwecken sollte, ist das Gefühl des eignen Könnens. Daß dazu ein solides Wissen gehört, wird bald genug erkannt. Aber das Wissen allein tut es nicht. Wer hätte nicht vielmehr an sich selbst, wenigstens in jüngeren Jahren, erlebt, wie sehr wir durch unsre Schulung geneigt sind, ehrfurchtsvoll Wissenschaft aus den Vorlesungen und Werken der Gelehrten zu abstrahieren und darüber nicht den Mut finden, uns mit unsrem eignen Denken an wissenschaftliche Aufgaben zu wagen. Das Gefühl des Könnens zu entwickeln, zu zeigen, daß die Dinge nicht bloß aus dickleibigen Kompendien zu entnehmen, sondern durch eignes Nach-— denken gefunden werden können, das ist die wichtigere Aufgabe des Unterrichts. Erziehen wir hieute diese Selbständigkeit des Denkens, diesen Forschersinn und die damit verbundene Freude des Könnens?
Ich glaube nur in verhältnismäßig geringem Maße. Die äußeren Schwierigkeiten überfüllter Klassen und des sogenannten Schülerballastes stehen dem entgegen, aber es stehen auch entgegen unsre Lehrpläne, die von solchem Umfang sind, daß darüber die Vertiefung im Einzelnen nur selten erreicht wird, oder nur auf Kosten einer durchweg ehrlichen Arbeit. Die Klagen über die schlechten Leistungen unsrer Schulen, ich glaube auch, sie sind nicht unberechtigt. Schuld daran aber tragen, neben dem grossen Zudrang der Berechtigungsjäger zu den höheren Klassen, unsere Lehrpläne, weil sie zuviel verlangen. An sich sind die Zielleistungen der einzelnen Fächer
X) Paul=Cauer, Zur freieren Gestaltung des Unterrichts(1906) 1*


