Aufsatz 
Zur Schiller-Feier.
(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)
Entstehung
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Zur Schiller-Feier.

(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)

Von Professor Dr. Emil Stern.

Zum hundertsten Male jährt sich heute der Tag, der Friedrich Schiller der Welt entrissen hat. Der Dichter stand auf dem Höhepunkt seines Schaffens, als ein unerbittliches Schicksal am 9. Mai 1805 seinem Leben ein Ende bereitete. Mit Staunen und Bewunderung hatten die Zeitgenossen mit- angesehen, wie sein Können von Dichtung zu Dichtung empor- wuchs. Und nun war alles vorbei. Namenloser Schmerz erfüllte damals jeden Deutschen, der Herz und Sinn besaß, Schillers Größe zu empfinden..

Aber nicht auf den Ton der Trauer sind die unzähligen Feste gestimmt, die heute gefeiert werden zur Erinnerung daran, daß seit Schillers Tod nunmehr ein Jahrhundert dahingegangen ist. Ein Fest der Freude vielmehr begeht man in allen Ländern, wo Deutsche wohnen, ein Fest der Dankbarkeit für all das Schöne und Herrliche, das die Nation diesem Dichter schuldet. Ist doch im Herzen der Deutschen Friedrich Schiller niemals gestorben, er, ihrer Unsterblichen einer!

Wenn wir, Lehrer und Schüler dieser Anstalt, dem Zuge allgemeiner Begeisterung folgend, uns hier versammelt haben, um Schiller zu feiern, so wollen wir uns zunächst die Frage vorlegen: Was ist uns Schiller? Welche Bedeutung hat er in unserem geistigen Leben?

Lehrt doch unser Dichter selbst:

Den schlechten Mann muß man verachten, Der nie bedacht, was er vollbringt.

Die Erinnerung an Schillers Todestag hat den Anlaß zur heutigen Feier gegeben. Dies lenkt unseren Blick sofort auf das erhabenste von Schillers Werken, auf sein Leben.

I. Bez. 1