Aufsatz 
Die hundertjährige Jubelfeier am 5., 6. und 7. Juli 1899
Entstehung
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herzlicher, weil dem Herrn Oberpräsidenten der Kreis Wetzlar, diese Stadt und ihre Schule von jeher besonders lieb und wert gewesen sind, da die Zugehörigkeit Wetzlars zur Rheinprovinz eine eigenartige Entwickelungsgeschichte hat und deshalb auch eine eigenartige Stellung in der herz- lichen Wertschätzung und Pflege der Aufsichtsbehörde gefunden hat.

Glück- und Segenswünsche habe ich dem Gymnasium zu überbringen. Wer sich klar macht, was das Wort Glück für das Leben des einzelnen und für das Leben einer Schule insbe- sondere bedeutet, und wer sich des Inhalts solcher Glückwünsche bewusst sein will, der richtet seine Blicke nicht nur wünschend und hoffend in die dunkle Zukunft, sondern forschend in die abgeklärte Vergangenheit, der verknüpft bewusst Altes und Neues, Vergangenes und Gegenwär- tiges, um daraus einen schlichten Kranz von Wünschen zum Schmucke des schönen Festes zu winden.

Hochverehrte Festversammlung! Als vor 100 Jahren der Magistrat der freien Reichsstadt Wetzlar, angeregt von einer zur Verbesserung des städtischen Schulwesens gebildeten Gesellschaft von Bürgern und Reichskammergerichtsbeamten, dieses Gymnasium gründete, da konnte die neue Schule nicht unter so glückverheissende Wünsche gestellt werden wie heute: der Segen eines mächtigen Staates fehlte, der der Geistesbildung und Wissenschaft den besten und kräftigsten Schutz zu bieten vermag. Das römische Reich deutscher Nation lag in seinen letzten Zügen, am südlichen Himmel drohten Kriegswolken, der gewaltige Korse, der bald der Schrecken Europas werden sollte, war auf der Heimfahrt von Agypten, um bald auch dem alten deutschen Reiche den Gnadenstoss zu versetzen; die Bürger dieses Reiches waren in politischer Kurzsichtigkeit nur auf das Nächste bedacht, führten ruheselig an Sonn- und Feiertagen ein Gespräch von Krieg und Kriegs- geschrei und segneten Frieden und Friedenszeiten, ohne sich bewusst zu sein, dass ein starkes und mannhatftes Volk nicht nur an Sonn- und Feiertagen, sondern jeden Werktag aufs scharf ge- schliffene Schwert schaut, um den Frieden zu sichern, unter dessen fester Obhut Kunst und Wissen- schaft allein auf die Dauer gedeihen können.

Und heute? Das Festspiel von gestern Abend:Des Vaterlandes Not und Erhebung und Durch Sieg zur Einheit hat uns gezeigt, dass wir am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht wie am Schlusse des achtzehnten auf schwankendem Boden eines altersschwachen Reiches unter gewitter- schwangerem Himmel wandeln, sondern auf festem preussischen Grund und Boden stehen und unter einem ruhigen Himmel wohnen, der von den Ufern des Bodensees bis zur Nord- und Ostsee und vom fernen Memel bis zum festen Metz sich über einem einigen waffengewaltigen Volke wölbt. Unserer glückverheissenden Zukunft, der preussischen und deutschen Jugend, die in diesen Räumen der Wissenschaft in treuer Pflichterfüllung, so Gott will, zum Segen unseres Vaterlandes dient, gilt deshalb mein erster Gruss und erster Glückwunsch.

Und blicken wir wieder zurück in die Tage der Gründung dieser Schule vor 100 Jahren, so gewahren wir einen anderen Punkt, der unsere Festfreude zu heben vermag und unseren Glückwünschen Glaubenskraft verleiht. Die neun Männer, die am 9. Januar 1799 zusammentra- ten, um das städtische Schulwesen zu verbessern, die 63 Mitglieder, die 2 Monate später die gemein- nützige Gesellschatt unter der Devisemit vereinten Kräften bildeten, die Geistlichen Follenius und Froriep, die von der Kanzel ihrer Gemeinde die Unterstützung der erstrebten Schulanstalt dringend ans Herz legten, sie alle waren begeistert für ihre Sache, für die Bildung unseres Vol-