Vorbemerkung.
D' Frage, ob die Fähigkeit, das Reichs-Kursbuch richtig zu gebrauchen, von allgemeinem Nutzen sei, bedarf wohl kaum einer eingehenden Erörterung. Es ist gerade in den letzten Jahren öfter in Zeitungen und Zeitschriften auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, sich mit diesem Buche näher bekannt zu machen ¹) Wenn wir nach einem Worte unseres Kaisers tatsächlich im Zeichen des Verkehrs stehen, so ist es nötig, mit den Wegen und Mitteln des Verkehrs sich wenigstens so- weit bekannt zu machen, als man selbst aus dieser Kenntnis Gewinn ziehen kann. Wo gibt es im kultiviertem Europa heute noch Menschen, die niemals eine Reise mit der Eisenbahn, dem Dampf- schiffe oder der Post machen! Ist es nun nicht beschämend, wenn selbst gebildete Reisende mit völliger Hilflosigkeit dem Kursbuche oder gar den einfachsten Fahrplänen, die jedes Stationsgebäude aufweist, gegenüberstehen? Das Bewuſstsein, immer nur von Beamten abhängig zu sein, wirkt auf die Stimmung der Reisenden doch störend und macht das Reisen selbst oft beschwerlicher und auf- regender. Freilich, wie soll sich der Uneingeweihte Kenntnis von dem eigenartigen Buche verschaffen, das ihm mit seiner gewaltigen Fülle von Zahlen, Zeichen und Namen vielleicht einen ähnlichen ehr- furchtsvollen Schauder einflöſst wie dem Quartaner die Logarithmentafel des Primaners! Der berufs- mäſsige Reisende ist nächst dem Beamten der Eisenbahn- und Postverwaltung noch in einer günstigen Lage, denn die Häufigkeit seiner Reisen, die sich oft jahrelang in denselben Geleisen bewegen, er- ziehen ihm allmählich auch auf diesem Gebiete die Geschicklichkeit und Gewandtheit an, die er seinem Berufe schuldig ist. Andere aber, die nicht berufsmäſsig reisen, verschaffen sich selten eine mehr als oberflächliche Fähigkeit, sich in dem Kursbuche zurechtzufinden, oder klammern sich an einen sogenannten„Blitzfahrplan“ an, der trotz der Zweckmälſsigkeit seiner Einrichtung für die darin enthaltenen Eisenbahnlinien doch sehr unzureichend ist.
Da ertönt nun neuerdings stärker als je der Ruf: Die Schule muſs helfen! Diese Forderung wird allerdings sehr oft bei Gegenständen erhoben, die in den Lehrstoff der Schule schon deshalb nicht aufgenommen werden können, weil dadurch tatsächlich eine Überbürdung der Schüler erzielt werden würde, von der man ja in letzter Zeit ohnehin— und ganz gewils vielfach mit Recht— so viel redet und schreibt. Was aber die Erlangung der Fähigkeit, sich im Kursbuche zurechtzufinden, anbetrifft, so dürfte der Ruf nach der Mitarbeit der Schule in dieser Sache berechtigt sein. Die Erdkunde ist das Lehrfach, in das eine Unterweisung im Kursbuchgebrauch eingeführt werden kann, ohne daſs man das Ziel dieses Lehrfaches gewaltsam zu verschieben braucht. Freilich wird die Art der Unterweisung sich nach der Schulgattung und der Klasse richten, in der sie stattfindet. Am vorteilhaftesten dürfte ein Kursbuchunterricht— um ihn kurz so zu nennen— auf höheren Lehr- anstalten bei der Durchnahme der Verkehrskunde eingegliedert werden, der ja auf Oberrealschulen ein breiterer Raum gegönnt wird. An verschiedenen Volksschulen ist, wenn ich recht unterrichtet
¹) Vergl. besonders den Aufsatz von A. Oskar Klaussmann in der Zeitschrift„Die Woche“, 1904, Heft 22. („Ein getreuer Führer.“)


