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rung des Baues und der inneren Einrichtung unablässig bemüht gewesen. Dem ganzen Bau, im Großen wie im Kleinen, dürfte das Gepräge aufgedrückt sein, daß an ihm mit Liebe und ver- ständnisvollem Sichhineinleben in die Zwecke und die Weise der Benutzung gearbeitet worden sei.
„Jedoch noch ein anderer Dank ist es, dem ich Ausdruck zu geben habe. Für jede Schule ist der Tag, an welchem ihr eine Stätte ihres täglichen Wirkens übergeben wird, in gewissem Sinne ein Markstein ihres Lebens, ihrer Geschichte, und je schöner das Haus, je mehr sich in seiner Herstellung die Hingebung der Schulgemeinde ausspricht, desto größer ist die Auregung, desto eindringlicher die Aufforderung, in den trefflichen Räumen nun auch Treffliches zu leisten, der schönen Hülle nun auch den schönen Gehalt zu geben, der Hingebung der Schulgemeinde nun auch die noch größere, weil unablässig zu bethätigende Hingebung der an der Schule wirkenden Kräfte würdig zu zeigen.
Für unsere Schule jedoch hat dieses Haus noch eine ganz andere, eine viel tiefer greifende und auch weit über den Kreis der Schule hinausreichende Bedeutung. Denn dieses Haus dokumentiert vor Gott und Welt zwei Thatsachen: einmal, daß unsere Schule so zugenommen hat, daß ein neues Haus ihr ein dringendes Bedürfnis geworden, und sodann, daß diesem Bedürfnisse eine so herrliche Genüge geworden. Beides That- sachen, die an sich nicht eben bemerkenswert erscheinen, die aber bei einem Blicke auf die Geschichte unserer Schule, auf die Umstände, unter denen sie ins Leben trat, auf die Anfeindungen, die sie von den verschiedensten Seiten zu erfahren, auf die Kümpfe, die sie nach den entgegengesetztesten Richtungen zu bestehen hatte, den Charakter des Gewöhnlichen verlieren dürften. Dasselbe Gedeihen, dieselbe Blüte, die bei Tausenden von Organismen nur als das natürliche, selbstverständliche Produkt der natürlichen Entwickelung aus solchem Keime, solchem Boden, unter solchen klimatischen Bedingungen sich darstellen, erscheint als etwas Überraschendes, ja geradezu Wunderbares, wenn sie bei einem Organismus zu Tage treten, über den bei seinem Entstehen der Stab gebrochen, dem von Weisen und Nichtweisen alle Lebensfähigkeit abgesprochen worden. Ein solches angeblich todgeborenes Kind war unsere Schule. Doch sie lebte und gedieh und gewann sich die Achtung auch ihrer Gegner und die Anerkennung der städtischen und staatlichen Behörden, und der heutige Tag und die gegen- wärtige Stunde, sie sind der beredteste Zeuge und sprechendste Beweis, wie der Segen Gottes auf diesem kleinen, unscheinbaren Keime geruht— und deshalb ist es der Dank an Gott, den gnadenvollen und be- glückenden Gott, der in dieser Stunde schönster Erfüllung lang und innig gehegter Wünsche das tief erregte Herz bewegt.
Denn diese Schule— und es ist dies eines der unsterblichen Verdienste ihres Gründers und langjährigen Direktors— war im jüdischen Kreise die erste, die gezeigt hat und zeigt, wie das Prinzip des durchaus unverkürzten und unverkümmerten überlieferten Judentums vollständig Hand in Hand gehe mit dem Streben nach allgemeinster menschlicher Erkenntnis und wissenschaftlicher Bildung. Ufd zwar wie diese Vereinigung kein Kompromiß sei innerlich disparater Bestrebungen, bei dem nur widerwillig und äußerem Zwange folgend, aus Opportunitätsrücksichten gegenseitig Konzessionen gemacht und Opfer gebracht werden,— wie diese Ver- einigung der jüdisch-religiösen mit der allgemein menschlichen Bildung vielmehr aus dem innersten Wesen des Judentums fließe, das ja in sich und seinen Bekenntnisschriften die Grundlagen für Menschenbildung und Menschengesittung enthält und durch den Gott-Einheitsgedanken auch recht eigentlich erst die Grundlage für alle rationelle wissenschaftliche Forschung dargeboten hat, da sie den Gesetzgeber in der Natur und für das Menschenleben als Grundgedanken alles menschlichen Denkens und Wollens und Wirkens und Forschens enthält.
In diesem Bewußtsein schließt sich daher auch unsere Schule allen übrigen Schulen, deren geehrte Leiter durch ihre Anwesenheit ihre freundliche Teilnahme beweisen, in innigem schwesterlichen Anschluß an; sie weiß sich mit allen vereint in dem Streben, junge Menschenwesen der geistigen und sittlichen Veredlung für ihren Beruf als Menschen und Bürger entgegenzuführen. In diesem Sinne begrüße ich die verehrlichen städtischen Behörden, indem ich aus ihrer Gegenwart freudig die Uberzeugung schöpfe, daß sie auch in unserer Anstalt eine Mitarbeiterin für das geistige und sittliche Gedeihen und Blühen unserer Vaterstadt erblicken. In diesem Sinne begrüße ich die Vertreter der hohen Königlichen Behörden, die durch ihre Gegenwart es be- zeugen, daß sie das Streben auf dem Boden des Positiv-Religiösen ein jüdisches Geschlecht zu erziehen, das es als eine religiöse Pflichtthat begreift, die geistige und sittliche Tüchtigkeit, zu der es erzogen, im Dienste des Vaterlandes, für Förderung des Gesamtheiles zu verwenden, als ein für die Gesamtheit nicht ganz wert- loses Betrachten. Zu ganz besonderem Danke aber ist die Schule dem Königlichen Provinzial-Schulkollegium, der ihr unmittelbar vorgesetzten hohen Behörde verpflichtet, die durch ihre überwachende und anweisende
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