Aufsatz 
Die Einweihung des neuen Schulhauses am Tiergarten / von Hirsch
Entstehung
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fernere Gedeihen der Schule ausgesprochen; auch der gleichfalls verhinderte Herr Regierungs- präsident v. Wurmb sandte der Gemeinde seine herzlichen Glückwünsche.

Während trotz der ungünstigsten Witterung schon von neun Uhr an die Mitglieder der Religions-Gesellschaft sich in der durch geschmackvolle Festdecoration zu einer prächtigen Aula umwandelten Turnhalle versammelt hatten, wurden die Ehrengäste gegen zehn Uhr von dem Vor- stande der Israelitischen Religious-Gesellschaft in dem gleichfalls decorierten Vestibule empfangen.

Nachdem sodann die Ehrengäste sich in die Aula begeben und auf der einen Seite des Podiums Platz genommen hatten, auf der sich die Lehrer und Lehrerinnen bereits befanden, wührend die andere Seite für die Sänger und Sängerinnen bestimmt war, begann die Feier mit

einem Chorale. Hierauf bestieg Herr Emanuel Schwarzschild, als Vorsitzender des Vorstandes sowie des Baucomités, die festlich geschmückte Rednerbühne und hielt folgende Ansprache:

Hochgeehrte Festversammlung! Wenn ein Gebäude einem so hehren Zwecke wie der Jugendbildung und Erziehung gewidmet, wenn es mit so vieler Sorgfalt und Aufmerksamkeit projektiert und ausgeführt ist wie das vorliegende, so gestaltet sich die Einweihungsfeier zu einem Feste, zu einem wirklichen Freuden- feste. Wir sind daher allen denen zu innigem Danke verpflichtet, welche durch ihre Gegenwart ihre Teil- nahme bekunden und unsere Festesfreude erhöhen.

Vom Vorstande der Religions-Gesellschaft bin ich beauftragt, diesem Danke wärmsten Ausdruck zu geben, insbesondere den hohen staatlichen und städtischen Behörden gegenüber, welche unserer Einladung Folge zu geben die Güte hatten.

Gestatten Sie mir, geehrte Festversammlung, einen kurzen Rückblick auf Gründung und Entwicklung der Schule zu werfen. Die Israelitische Religions-Gesellschaft, im Jahre 1850 zur gemeinsamen Pflege des gesetzes- treuen Judentums errichtet, erachtete es als ihre Aufgabe, neben der Errichtung der nötigen synagogalen und rituellen Institutionen der Jugenderziehung ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und zwar auf der Basis von talmud thora im derech erez, das heißt: auf jüdisch-religiöser wie auf allgemein humaner Grundlage. Der Unterricht in allen Zweigen des Wissens soll weder den der jüdischen Fächer verdrängen, noch von ihm ver- drängt werden. Solche sollen keinen Gegensatz bilden, sondern eines soll das andere fördern und ergänzen. Es ist das eine Aufgabe, die zu ihrer Lösung eines auf beiden Gebieten hervorragenden begeisterten Mannes bedurfte. Einen solchen Mann hatten wir in unserm hochwürdigen Herrn Rabbiner gefunden. Seinen eifrigen Bemühungen haben wir es zu verdanken, daß nach Erbauung der Synagoge und Errichtung der nötigen rituellen Institutionen eine Schule auf der angeführten Basis und unter dessen Leitung ins Leben gerufen werden konnte. Dieselbe wurde im April 1853 mit 80 Schülern und Schülerinnen und 5 Lehrern in dem Hause der Religions-Gesellschaft in der Rechneigrabenstraße eröffnet und gewann rasch eine solche Ausdehnung, daß die vorhandenen Räumlichkeiten nicht ausreichten und im Jahre 1864 das Nebenhaus erworben und mit dem Schulhaus verbunden werden mußte. Im Jahre 1867 wurde der Schule in Anerkennung ihrer tüchtigen Leistungen von der Königlichen Staatsregierung die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den freiwillig-ein- jährigen Militärdienst erteilt und solche dem Königlichen Provinzialschulkollegium in Cassel unterstellt. Nach- dem unser Herr Rabbiner die Schule zweiundzwanzig Jahre mit seltener Hingebung und größter Thatkraft geleitet, sah sich derselbe dqurch Gesundheitsverhältnisse zu unserem innigen Leidwesen genötigt, das Direktorat niederzulegen. Die Schule ist Demselben für seine grundlegende und erfolgreiche Wirksamkeit zu innigem Danke verpflichtet. Einen geeigneten Ersatz fanden wir in dessen Sohne, Herrn Dr. Mendel Hirsch, der schon seit dem Jahre 1855 dem Lehrerkollegium angehörte und seinen Vater in Verhinderungsfällen vertreten hatte. Dessen Ernennung zum Direktor fand die Kaiserliche Sanktion.

Inzwischen war die Schule auf nahezu 500 Schüler und Schülerinnen, eingeteilt in 18 Klassen und unterrichtet von 28 Lehrern und Lebrerinnen, angewachsen und erwiesen sich die Räumlichkeiten nicht allein als nicht ausreichend, sondern auch als ungenügend, indem die beiden Häuser als Wohnhäuser erbaut und nur so gut als möglich zu Schulzwecken umgestaltet waren. Das Bedürfnis eines Neubaues machte sich um so dringender geltend, als ein großer Teil des Schulgartens zur Vergrößerung der Synagoge verwendet werden mußte. Dennoch würde die Religions-Gesellschaft nicht im Stande gewesen sein, dieses Bedürfnis zu befriedigen