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bei verschiedenen Nationen, und leider auch bei der unsrigen, sich unliebsam bemerkbar macht und den geistigen Horizont selbst einsichtsvoller Männer einengt und beschränkt, sie zu Selbstsucht und niedrigem Rassenhaß verleitet. Die Deutschen jüdischen Glaubens werden immer der Tatsache eingedenk bleiben, daß das Zeitalter der Herrschaft der Humanität sie aus der mittelalterlichen Knechtschaft erlöst und ihnen Menschenwürde und Menschenrechte wiedergebracht hat; bei Wahrung der national-deutschen Eigenart werden wir deshalb allzeit freudig die humanen Bestrebungen stützen und fördern und das Gefühl der Einheit des ganzen Menschen- geschlechts, die Gemeinsamkeit seiner wesentlichsten Interessen pflegen. In diesem Streben wissen wir uns auch eins mit unseren religiösen Führern, die schon vor drei Jahrtausenden das gemeinsame Band, das die Nationen verknüpfen wird, erkannt und in Worte gekleidet haben, deren Kraft sich zu allen Zeiten bewährt hat. Nationen müssen und sollen in ihrer berechtigten Eigenart bestehen pleiben, auf daß eine Vielheit geistiger Gaben, Kunst, Wissenschaft und Gewerbe in den ver- schiedenartigsten Formen und in der reichsten Mannigfaltigkeit erwachse und die Menschheit auf allen Gebieten fortschreite in der Erkenntnis der Wahrheit. Bei diesem Fortschreiten kommt aber auch— das war schon unserer alten Lehrer feste UÜberzeugung— der Menschheitsgedanke zuseinem Recht, und die Anzeichen seines Kommens können wir schon in unseren Tagen wahrnehmen: Schon finden sich die geistigen Führer der Nationen zusammen zur Erörterung von Fragen, die das Heil der gesamten Menschheit befördern sollen, schon die Vertreter der Regierungen,„damit nicht mehr Volk gegen Volk das Schwert erhebe“! Wann dieser hehre messianische Gedanke seine endgültige Herrschaft antreten wird, welchem der kurzfristigen Menschengeschlechter das hohe Glück zuteil werden wird zu schauen, wie alle Nationen einig sind in dem Ziel, das dem Judentum auf seiner geschichtlichen Bahn zu allen Zeiten vorgeschwebt hat, das zu bestimmen ist uns versagt— aber mithelfen, freudig mitarbeiten wollen wir in dieser Anstalt für seine Erreichung durch treue Pflege unserer angestammten Religion in der Reinheit und Klarheit, die die Männer der Aufklärungszeit ihr wiedergegeben, durch rückhaltlose Hingabe an unser geliebtes Vaterland, dabei auch durch Pflege wahrhafter Humanität, edelster Menschlichkeit.
Diese Richtungsgedanken unseres schönen Erzieherberufes werden wir, Lehrer und Lehrerinnen, in dem neuen Heim, das so reichlich mit allen Hilfsmitteln und Einrichtungen, die der moderne Unterricht verlangt, ausgestattet ist, in erhöhtem Maße gern und willig verfolgen und wollen sie bei der nun einmal notwendigen Kleinarbeit des Tages nie außer acht lassen; für diese Gedanken wollen wir in einem jeden unserer Schüler, in jeder Schülerin solche Begeisterung erwecken, daß sie alle auf dem Platz, an den sie später gestellt werden, mit voller Hingabe für sie tätig sind; dann wird das Philanthropin seine Aufgabe erfüllen, im Sinne seiner un- vergeßlichen Begründer, zum gerechten Stolz der altehrwürdigen Frankfurter Israe- litischen Gemeinde, die bereitwilligst die beträchtlichen Aufwendungen für diese


