Stelle des öden und geisttötenden Auswendiglernens, das lange Zeit das deutsche Schulwesen beherrscht hatte, suchte man v
diges Interesse zu wecken tur die Wissen indem man vom Nächstliegenden und I- dem zunehmenden Fassungsv
on vornherein in dem Schüler ein leben- sgebiete, die ihm erschlossen werden sollten, eichtfassbaren ausging, um dann, entsprechend
ermögen des Schülers, stufenweise zum Schwierigeren fortzuschreiten, immer bedacht auf eine möglichst anschauliche Darbietung, auf
geistige Belebung des Lehrstoffes. Auch dies sind Grundsätze, deren Richtigkeit heute von niemand mehr bestritten wird. Daß sie zu ihrer jetzigen Geltung gelangt sind, dazu hat diese Anstalt in besonderem Maße mitgewirkt.
Das grösste Verdienst aber haben sich die Begründer dieser Anstalt und die ausgezeichneten Männer, die ihr Werk fortgesetzt haben, zweifellos dadurch erworben, daß sie, durch die Errungenschaften der Aufkiarungsperiode angeregt, mit bewutzter Absicht die stille, aber um so nachhaltigere Arbeit der Schule in den Dienst des großen Gedankens stellten, die Schranken niederzureißen, die ihre Glau- bensgenossen von der übrigen Volksgemeinschaft trennten und ihnen auf diese Weise die volle Gleichberechtigung und Gleichstellung zu erringen. Sie hatten klar er- kannt, daß dieses Ziel nur erreicht werden könne, wenn es gelänge, die Jugend zu einem eindringenden Verständnis deutscher Art und deutschen Wesens hinzuführen, sie teilnehmen zu lassen an deutscher Geistesbildung und Kultur, dem Gefühl innerer Zugehörigkeit und Liebe zum deutschen Vaterland in ihrem Herzen eine Stätte zu bereiten. Dieses Ziel haben jene Männer unentw egt verfolgt, und tausendfältig ist die Frucht, die diesem Samen entsprossen ist. Wenn wir heute als schönsten Schmuck dieses Festraumes das von Künstlerhand ausgeführte Bildnis unseres Kaisers erblicken, so dürfen wir sagen, es ist mehr als ein Schmuck patriotischer Art. Es ist gewissermaßen ein Symbol dessen, was diese Schule allzeit auf ihre Fahne ge- schrieben hat, der Pflege vaterlämdlischer Gesinnung und treuer Anhänglichkeit an Kaiser und Reich.
Lassen Sie mich, hochgeehrte Festgenossen, zum Schluss der Anstalt noch einmal die herzlichsten Glück- und Segenswünsche für die Zukunft darbringen. Möge sie weiter blühen und gedeihen zum Segen der Jugend, zum Segen dieser Stadt und zum Segen unseres Vaterlandes. Môge der Geist, der in ihr geherrscht hat, auch ferner in ihr walten und wirken, der Geist edlen Menschentums, ernsten sittlichen und geistigen Strebens. Môge sie ihre Zöglinge allzeit heranbilden zu tüchtigen, charakterfesten, hochgerichteten, für alles Gute und Schöne begeisterten Menschen, zu vaterländisch gesinnten, deutsch denkenden und fühlenden Männern und Frauen. Das walte Gott!“ 1
Es folgte die Festrede des Herrn Direktor Dr. Adler:
„Hochgeehrte Festversammlung! Von unseren Altvorderen ist uns der fromme Brauch überkommen, den Beginn eines jeden festlichen Tages im Aufblick zu dem Schöpfer alles Seins zu weihen mit innigem Dank gegen ihn, der uns diesen Tag hat erleben und erreichen lassen: Der Ewige hat, um mit dem Psalmendichter zu


