Aufsatz 
Schiller als nationaler Dichter. Gedächtnisrede auf den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers, gehalten am 10. November 1859
Entstehung
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ganze deutsche Volk der gottbegeisterten Jungfrau, die mit kräftiger Hand die schweren, dreifachen Ketten wie dünne Fäden zerreisst? Die hohen Gestalten, welche der Dichter tiek der empfänglichen Einbildungskraft eingeprägt, sie traten damals ins Leben. Manche deutsche Jungfrau that damals mehr noch als jene Agues, die allen überflüs- sigen Schmuck des Lebens dem Vaterlande opferte. Unzählige riss ein edles Gottver- trauen mit Sturmes-Ungestüm ins wilde Kriegsgewühl hinein. Gewiss sah manches brechende Auge den Himmel geöffuet mit allen seinen Glorien und manches Todten Miene schien lächelnd zu sagen: Kurz ist der Schmerz, doch ewig ist die Freude.

Gewiss hat Schillers Grösse in jenen Tagen der nationalen Erhebung grossen Einfluss geübt, er übt ihn aber noch jetzt und in gesteigertem Masse. Seine Werke verbreiten sich in immer weitere Kreise, liebevolle Bemühungen haben einem jeden den Eindruck zugänglich gemacht, den ein erhabenes Leben auf jeden empfänglichen Sinn ausübt. Wenn die Zeitläufte wiederkehren, wenn ähnliche Anlässe zu ähnlichen Thaten rufen, dann wird sich, so hoffen wir alle, auch die nationale Kraft des deutschen Volkes von Neuem siegend bewähren. Dies Gefühl giebt der heutigen Feier ihre Ausdehnung und Bedeutung; dies Gefühl berechtigt uns, immer wieder zu rufen:

Drum feiert ihn, denn was dem Mann das Leben Nur halb ertheilt, soll ganz die Nachwelt geben!