Aufsatz 
Nachricht über den Verlauf der 50jährigen Jubiläumsfeier der Realschule zu Michelstadt am 30. und 31. März und am 1. April 1884
Entstehung
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ziehung der uns anvertrauten Jugend, den Frauen, den Jungfrauen endlich, die unſere heutige Feier durch ihre Teilnahme verherrlichen, ſei ein dreifaches Hoch gebracht.

Die nun folgende muſikaliſche Abendunterhaltung und das Tanzvergnügen geſtalteten ſich un⸗ gemein anregend; namentlich fand die frohe Jugend im Dienſte der leicht geſchürzten, in anmutigem Tanze dahinfliegenden Terpſichore ein ſolches Gefallen, daß erſt der frühe Morgen die Anweſenden trennte. Obgleich dieſe Abendunterhaltung ſehr ſtark beſucht war, erwieſen ſich doch die Räumlichkeiten im Hötel Friedrich vollkommen ausreichend; allerdings ſorgten die Feſtordner, durch beſondere Schleifen erkennbar, daß keinerlei Störungen eintraten. Die Hartmann'ſche Kapelle hatte auch bei dieſer Feierlich⸗ keit zur allgemeinen Zufriedenheit geſpielt.

Ill. Die eingelaufenen Schreiben und Telegramme, ſowie die Präſenzliſte.

Die nun folgenden Mitteilungen in dem vorſtehenden Betreff können durchaus keinen Anſpruch auf Vollſtändigkeit machen, da es uns nicht möglich war, alle eingegangenen Schreiben eingehend zu betrachten und alle anweſenden Schüler und Freunde der Schule anzuführen, beſonders da ſich manche nicht in die aufliegende Präſenzliſte eingetragen hatten. Man wolle daher gütigſt die vorhandenen Lücken entſchuldigen.

Von den Erlauchten Standesherrſchaften von Erbach⸗Fürſtenau, Erbach⸗Erbach und Erbach⸗ Schönberg waren auf unſere Einladungen ſchon vor dem Feſte ſehr gnädige Schreiben eingelaufen, die entweder die perſönliche Teilnahme der Herrſchaften in Ausſicht ſtellten, oder das Bedauern ausdrückten, daß ſie bei einer Feier nicht zugegen ſein könnten, an der ſie ſo lebhaften Anteil nahmen. Auch von den früheren Lehrern waren liebe Briefe eingelaufen, von denen wir hier diejenigen hervorheben, deren Ver⸗ faſſer am perſönlichen Erſcheinen verhindert waren. So ſchrieb Dr. Friedrich Haupt, Pfarrer in Penſion in Gießen, ehemaliger Lehrer an dem hieſigen Progymnaſium:

Ihre ebenſo liebenswürdige als gütige Einladung zur Jubiläumsfeier Ihrer Realſchule an dem 31. März habe ich nicht ohne tiefere Bewegung geleſen. Trat doch mit derſelben die Erinnerung an eine weit entſchwundene Vergangenheit mir wieder ſo lehhaft vor die Seele. Als 21 jähriger Jüngling, geſchwellt von hohen Idealen für Erziehung und Bildung, betrat ich damals, zum erſtenmal wieder nach 12jähriger Trennung, die heimatlichen Gefilde meines lieben Odenwaldes. Und ich habe viel Liebe und Güte dort empfangen, auch das dankbare Andenken begabter und trefflicher Schüler mir zu erhalten das Glück gehabt. Doch ſie ſind faſt alle dahin. Und ich der 79jährige Greis bin noch faſt allein zurück⸗ geblieben. Da hätte es allerdings für mich nur ſehr erwünſcht ſein können, an dem Jubiläumsfeſt der Anſtalt mitfeiernd teil zu nehmen, zu deren Lehrern zu gehören ich zwar nicht die Ehre hatte, ſondern nur an dem beſcheidenen Vorläufer derſelben, dem im Jahr 1823 ſchon gegründeten Progymnaſium. Und welch' ein kräftiger edler Baum iſt aus dem Zuſammenwirken ſo mannigfacher, hochverdienter Kräfte aus jenem Reislein erwachſen. Da darf es mich allerdings mit lebhaftem Bedauern erfüllen, daß ich in Rückſicht auf mein hohes Alter, die nicht unbeträchtliche Entfernung und die vorausſichtlich wohl noch weniger geeignete Jahreszeit es mir unterſagen mußte, Ihrer und Ihrer Herrn Collegen ſo gütigen und liebevollen Einladung zu entſprechen.

Die aufrichtigſten Glückwünſche zu der bevorſtehenden Jubiläumsfeier ſprach ferner Herr Direktor Schneider in Bingen, der Sohn eines für die hieſigen höheren Schulanſtalten hochverdienten Lehrers, des verſtorbenen Herrn Kirchenrats Schneider, aus.Es iſt mir um ſo größeres Bedürfnis, Ihnen die Glückwünſche auszuſprechen, als Abſtammung von väterlicher und mütterlicher Seite mich eng mit Michel⸗ ſtadt verknüpft und auch meinem Vater vergönnt war, in langjähriger Arbeit an dem früheren Pro⸗ gymnaſium und der daraus erwachſenen Realſchule einen Stein zu dem geiſtigen Bau zu legen, der ſich ſeit einigen Jahren unter Ihrer Leitung gleichſam in dem ſchönen ſtattlichen Gebäude der Anſtalt ver⸗ körpert hat.

Direktor Krämer, der unmittelbare Vorgänger des Unterzeichneten, konnte aus Geſundheitsrück⸗ ſichten nicht an der Feier teilnehmen, ſchrieb aber, daß ſeine Gedanken und Empfindungen an den Tagen der Feier unſerer Anſtalt gewidmet ſein würden und ſprach mit warm empfundenen Worten ſeine Wünſche für das fernere Gedeihen der Anſtalt aus.Möge der Himmel die Realſchule zu Michelſtadt auch fernerhin in ſeinen gnädigen Schutz nehmen und mit ſeinen Segnungen beglücken! Mögen Alle, die für das Wohl der Anſtalt zu wirken berufen ſind, die Intereſſen derſelben mit Liebe und Eifer fördern!