Aufsatz 
Nachricht über den Verlauf der 50jährigen Jubiläumsfeier der Realschule zu Michelstadt am 30. und 31. März und am 1. April 1884
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Hierfuͤr unſrer hohen Regierung heute herzlichen Dank auszuſprechen, heute, wo wir angewieſen ſind, zurückzublicken auf die Errichtung und auf die Bedingungen der Errichtung dieſer Schule, iſt Pflicht der Gemeinde. Wir danken auch für die Rückſichten, welche unſere hohe Regierung bei Feſtſetzung des Staats⸗ bezw. des Gemeindebeitrags zur Realſchule auf die beſchränkten pekuniären Verhältniſſe unſerer Gemeinde genommen hat; wir danken ihr auch insbeſondere herzlich, daß ſie es geſtattet hat, in den für die Realſchule überflüſſigen Lokalitäten zwei Volksſchulklaſſen unterzubringen, und ich ſchließe hieran Namens der Gemeinde die ehrerbietigſte Bitte: Hohe Regierung wolle dieſe Rückſichten der hieſigen Gemeinde, die ihrer wirklich ſehr bedarf, auch fernerhin zu Teil werden laſſen. Wir haben auch heute wiederholt zu danken dem Erl. Grafenhauſe Erbach⸗Fürſtenau für die langjährige Beihülfe, welche hochdasſelbe der Realſchule gewährt hat; wir danken endlich allen Herren Direktoren und Lehrern, den früheren und jetzigen, die mit Berufstreue in dieſer Schule und für dieſe Schule gewirkt und gearbeitet haben; wir danken dem jetzigen Herrn Direktor und allen betheiligten Herren Lehrern für ihre freundliche Mitwirkung, daß die Schüler der verſchiedenen Schulen, welche dieſe Lokali⸗ täten beſuchen, ſo ſchön anſtandslos in Ordnung und Frieden neben einander ein⸗ und ausgehen konnten.

Dieſen Frieden die Kinder zu lehren, die heranwachſende Jugend, ob arm, ob reich, anzuweiſen, daß ſie in Zucht und Ordnung, anſtändig gegen Jedermann zu leben und zu verkehren habe, iſt eine Aufgabe, deren Löſung würdig iſt, von der Schule, von der Realſchule, wie der Volksſchule, immer recht gepflegt zu werden.

Ich ſchließe mit dem innigſten Wunſche, den ich Namens der Stadt Michelſtadt hier auszuſprechen die Ehre habe, daß die hieſige Realſchule noch lange, lange blühen und ſegensreich wirken möge.

Den Schluß dieſer Anreden bildete endlich die nachſtehende Feſtrede des

Unterzeichneten: Hohe und HKochgeehrte Anweſende!

Wenn ein Wanderer mühſam den Gipfel des Berges erſtiegen hat, ſo läßt er ſeinen Wander⸗ ſtab auf kurze Zeit ruhen, läßt ſein Auge hinausſchweifen auf die zu ſeinen Füßen liegenden Thäler und Fluren, erquickt ſein Gemüt in der Anſchauung des ſaftigen Grüns der Wieſen, des hochragenden Waldes, des eilig dahin rauſchenden Baches und ſtärkt ſich für die neuen Anſtrengungen ſeiner Reiſe. Wandrer ſind wir aber alle in dieſem Leben, das einer Wanderſchaft zu vergleichen iſt, Wandrer in der Familie, im Staat und in der Gemeinde, in unſerem Berufe und in den mannigfachen Erfahrungen, Leiden und Freuden dieſes Lebens. Auch auf dieſer Wanderſchaft gibt es Ruhepunkte, von denen aus unſer geiſtiges Auge zurückſchauen, von denen aus es ſtill alle Erſcheinungen und Erfahrungen an ſich vorüberführen, von denen aus unſer Gemüt neubelebt und geſtärkt ſich rüſten ſoll, der dunklen Zukunft mit Bedachtſamkeit, Mut und Entſchloſſenheit entgegen zugehen. Solche Ruhepunkte ſind daher von den ſegensreichſten Folgen. Sie machen zunächſt das Auge klar über alle Vorkommniſſe; ſie erwecken heilſame Entſchlüſſe; ſie erheben insbeſondere die Seele zu dem Herrn, dem Lenker aller Schickſale des Menſchen, und ſtärken ſie im Vertrauen auf ſeinen allmächtigen Beiſtand. Ein ſolcher Ruhepunkt in unſerem Schulleben iſt die heutige Jubiläumsfeier dieſer Anſtalt. Fünfzig Jahre ſind im Strome der Zeit dahingefloſſen, ſeit man dieſe Bildungsſtätte einweihte, und was die frommen Väter errichteten und bauten, das ſchauen nunmehr froh die Kinder und Enkel. An einem ſolchen Tage geziemt es ſich, zunächſt zurückzublicken auf die Entſtehung und Entwicklung dieſes Baues, wie wir dies eingehend in der Geſchichte des Progymnaſiums und der Realſchule gethan haben. Heute geziemt es ſich vor Allem, vor den hohen und hochgeehrten Anweſenden, vor dem Erlauchten Grafenhauſe von Erbach⸗Erbach, Erbach⸗ Fürſtenau und Erbach⸗Schönberg, das in ſo naher Beziehung zur Gründung und Fortentwicklung der Anſtalt ſteht, vor den hohen Vertretern Großherzoglicher Staatsregierung, die im Sinne der erhabenen Landesherrn für dieſe Bildungsſtätte gewirkt und ſie in den allgemeinen Bau des Bildungsweſens des Landes eingefügt hat, vor den Vertretern des Stadtvorſtandes, der bedeutende materielle Opfer ſeit ihrer Gründung für ſie gebracht hat und noch bringt, weil er die idealen Güter kennt und ſchätzt, vor den früheren Lehrern und Schülern und den Eltern unſerer jetzigen Schüler, die durch ihre Anweſenheit bekunden, welches hohe Intereſſe ſie für die Anſtalt hegen, vor den jetzigen Lehrern, welche ihre beſte Manneskraft dem Gedeihen der Schule widmen; heute geziemt es ſich, vor allen Anweſenden aus tiefſtem Herzensgrunde das dreifache Gefühl der Freude, des Dankes und der Hoffnung auszuſprechen.