Aufsatz 
Bericht über die Eröffnung des Schiller-Realgymnasiums in Leipzig. - Eröffnungsrede
Entstehung
Einzelbild herunterladen

I. Chronik.

Daß in einem mächtig sich entwickelnden Gemeinwesen die Schulfrage nie zur Ruhe kommen kann, liegt in der Natur der Dinge. Kaum ist an einer Stelle ein stattlicher Schulneubau empor- gestiegen, fordert eine andere Gegend der Stadt ihr Recht auf Unterrichtsgelegenheit und legt dem Gemeinsinn der Bürgerschaft neue Opfer auf. Bald nachdem im Jahre 1902 im Süden von Leipzig eine von der Stadt errichtete neunklassige Schule bezogen und unter dem Namen Königin Carola- Gymnasium in die Verwaltung des Staates übernommen worden war, wurde die vorsorgende Auf- merksamkeit des Rates der Stadt auf den Norden von Leipzig gelenkt, wo das König Albert-Gym- nasium, damals die einzige neunklassige Schule dieser Stadtgegend, im Zusammenhange mit der schnellen Vergrößerung der Vororte Gohlis und Eutritzsch die Grenze seiner Aufnahmefähigkeit bereits überschritten hatte.

Schon zu Ausgang des Jahres 1904 beschloß deshalb der Rat der Stadt eine Eingabe an die Königliche Staatsregierung. Weitere Kreise wurden für die Frage interessiert durch einen Aufsatz im Jahresbericht des König Albert-Gymnasiums(1905) aus der Feder des zu früh verstorbenen Prof. Dr. Baldamus, der auch später mehrfach in Tagesblättern dazu das Wort ergriff, und im Anfang des Jahres 1905 wandte sichder Bezirksverein für den Norden und die innere Stadt Leipzig in einer eingehenden Darlegung der sich entwickelnden Notlage an die Behörde. Mehreres traf zusammen, die Entscheidung für Leipzig dringend zu machen: die Landstände hatten kurz zuvor unter voller Zustimmung der Königlichen Regierung den Grundsatz aufgestellt, daß Gymnasien über Doppelanstalten nicht hinauswachsen dürften; die Auflassung zur Bebauung des alten an der Grenze von Leipzig-N. und Gohlis gelegenen Fxerzierplatzes stand unmittelbar bevor, damit eine noch stärkere Besiedelung dieser Stadtgegend mit solchen, die ihre Söhne höheren Bildungsanstalten zu- führen; und gleichfalls von der nächsten Zukunft war zu erwarten, daß allen neunklassigen Schulen die Gleichberechtigung zugesprochen werden würde. Trat dies ein und es geschah bereits am nächsten Ostertermine, so wurde wahrscheinlich, daß Leipzig mit einem Realgymnasium nicht mehr auskommen würde.

Der Rat der Stadt beschloß daher, die Errichtung eines zweiten Realgymnasiums im Norden der Stadt möglichst zu fördern. Schon Anfang Mai 1905 war die Frage dahin geklärt, daß unter verschiedenen zur Wahl stehenden Bauplätzen das Areal, das heute unsere Schule trägt, der König- lichen Staatsregierung für ein Realgymnasium unter denselben Voraussetzungen dargeboten werden konnte, die seiner Zeit bei der Errichtung des Königin Carola-Gymnasiums in Geltung gewesen waren. Nach längeren Verhandlungen, um die sich der damalige Dezernent des Leipziger Schulamtes, Herr Stadtrat Dr. Wagler, sehr verdient machte, lehnte es aber die Ständekammer ab, eine weitere neunklassige Schule in Leipzig auf den Staat zu übernehmen. Der Rat der Stadt sah sich daher in die Notwendigkeit versetzt zu beschließen, die vorgeschene höhere Schule nicht nur auf eigene

Kosten zu errichten, sondern auch in eigene Verwaltung zu nehmen. . 1*