Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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bürgerliche Gesinnung ein Denken und Fühlen, das ihn erhob über alle Engherzig- keit und kleinliche Selbstsucht, über alles Niedrige und Gemeine das ihn jedem edlen menschlichen Streben gerecht werden ließ, das ihn befähigte, in den herr- lichsten Tönen zu singenvon allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt, von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!Alle Menschen seien Brüder! ruft der Sänger desLiedes an die Freude in jugendlichem Überschwang. Auch Schiller war, wie so viele unserer erhabensten Geister, ein Herder, ein Fichte und so mancher andere, völlig erfüllt von der Denkweise der Humanität, von den hohen Idealen der Freiheit und Brüderlich- keit, von jenem allumfassenden Weltbürgertum, dessen Lehre ein zeitgenössiseher Bürger des freigewordenen Amerika in den Worten zum Ausdruck brachte:Mein Vaterland ist, die Welt, und meine Religion ist Gutes tun. Diese Grundanschauung hat er auch in späteren Jahren nie verleugnet; sie hat ihn bewahrt vor dem Über- maß der Wertung'nationaler Eigenart, vor den Verirrungen des Nationalismus und Chauvinismus.

Freilich, er mußte es erleben, daß aus dem Schoße eben der Nation, die sich rühmte, die übrigen Völker von dem Joche der Tyrannen erlösen, ihnen die hohen Güter der Freiheit, der Gleichheit und Brüderlichkeit bringen zu wollen, ein Eroberer hervorging, der an maßloser Herrschsucht, an despotischer Verachtung aller Menschen- würde und Menschenrechte alle früheren Gewalthaber weit hinter sich ließ, der fast dem ganzen zivilisierten Europa das Joch schmählicher Knechtschaft auferlegte. Die Überschwenglichkeit verflog, der gesunde Kern blieb zurück. Wie Fichte, der einst die französische Revolution als den Morgen eines neuen, glückverheißenden Zeitalters begrüßt hatte, mitten in dem von Franzosen besetzten Berlin seine uner- schrockenenReden an die deutsche Nation hielt und seinen Landsleuten zurief, um jeden Preis die hehren Güter nationaler Eigenart, die Ehre der nationalen Unabhängigkeit zu wahren, so ward auch unser Schiller in seinen reifen Mannes- jahren der Herold echter vaterländischer Gesinnung und Opferwilligkeit.

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,

Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!

Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt stehst du allein,

Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt!

So ruft imTell der greise Attinghausen in ernster Stunde seinem unsichern Neffen Rudenz zu. Und diese Worte sie werden in der Brust jedes Deutschen einen freudigen Widerhall finden, so lange man von deutscher Art und deutschen Männern spricht.

Als man sich vor 46 Jahren anschickte, die Feier der hundertjährigen Wieder- kehr von Schillers Geburtstag zu begehen, da ging mit der hiedurch angefachten Begeisterung Hand in Hand eine immer mächtiger anschwellende Erregung des wieder einmal durch einen fremden Gewalthaber, durch den dritten Napoleon, schwer gekränkten deutschen Selbstgefühls: das Jahr 1859 ist das Jahr der Gründung des deutschenNationalvereins*.