N helu
Ansprache des Professors D" W. Martens
bei der städtischen Feier der Pflanzung einer Schillerlinde
am 7. Mai 1905.
Erlauben Sie mir, im Namen der Stadt Konstanz einige wenige Worte über die Bedeutung der Feier, die wir hier begehen, an Sie zu richten!
Wer in den letzten Monaten die Kundgebungen verfolgt hat, die an die hundertjährige Wiederkehr des Todestages unseres Schiller anknüpften, der wird mit freudiger Genugtuung die Tatsache feststellen können, welch seltene Einmütigkeit allerseits über die Berechtigung dieser Feier herrscht, wie einmütig man sie als Erfüllung einer Dankespflicht begrüßt, ja geradezu gefordert hat. Aus allen Gauen unseres Vaterlandes strömen die Nachrichten darüber zu; unsere Grenznachbarn, die Schweizer, bemühen sich augenscheinlich, den Dichter des„Tell“ womöglich noch glänzender zu ehren, als es die Heimat vermag; über den Ozean herüber, von unseren Landsleuten in Amerika, verkündet der Telegraph, daß die dortigen Deutschen gerade in der Schillerfeier einen willkommenen Anlaß finden, zu zeigen, wie trotz der räum- lichen Trennung das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Mutterland noch frisch in ihnen weiterlebt. Ja, man darf es ohne Übertreibung behaupten: nicht bloß die Deutschen, nein, die ganze Kulturwelt gedenkt in diesen Tagen des großen Toten.
Was mir aber noch weit bemerkenswerter erscheint, das ist die Einhellig- keit, womit in unserer von Parteiungen und Meinungsgegensätzen zerrissenen Gegenwart alle oder doch fast alle die verschiedenen Richtungen politischer, reli- giöser, philosophischer Art Schiller als einen der Ihrigen in Anspruch nehmen und womit sich jede einzelne besonders zu seiner Ehrung berufen glaubt. Das ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß die einander widerstrebenden Strömungen innerhalb der denkenden Kreise unseres Volkes doch lange nicht so feindselig und unversöhn- lich sind, als mancher nach gewissen Äußerungen des Tages auf den ersten Blick an- zunehmen geneigt sein möchte. Worin liegt wohl die Lösung des Rätsels, daß unser Schiller allen Menschen höheren geistigen Strebens, trotz aller Verschiedenheit der Denkweise und der Weltanschauung, etwas, daß er vielen von ihnen so vieles ist?— Es ist die Universalität seines Geistes, die allumfassende Menschenliebe, die welt-
os


