4. Chronik der Neuſtalt.
Beim Beginn des Schuljahrs 1870/71 fand die feierliche Einführung zwei neuer Lehrer ſtatt, der Herren Dr. Hermann Frommann und Dr. Richard Haupt. Beide waren von Seiner Durchlaucht dem Fürſten zu Yſenburg und Büdingen präſentiert und durch Allerhöchſte Decrete von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog beſtätigt worden.
Herr Dr. Frommann hat uns von ſeiner Lebensgeſchichte folgenden kurzen Abriß gegeben:
„Ich bin am 7. Februar 1837 geboren als dritter Sohn des Buchhändlers Friedrich Frommann in Jena.
Den erſten Unterricht erhielt ich im Erziehungsinſtitut des Schulraths Stoy; 1852 bis 1856 beſuchte ich das Gymnaſium
zu Weimar, welches damals unter Hermann Sauppe's Leitung ſtand. Von Oſtern 1856 bis 1860 ſtudierte ich an
den Univerſitäten Jena, Bonn und Berlin Philologie, abſolvirte Michaelis 1860 in Berlin das Oberlehrer⸗ examen, darauf im Februar 1861 in Jena das philoſophiſche Doctorexamen, von Oſtern 1861 bis 1862 in Berlin das pädagogiſche Probejahr und wurde 1862 in Minden als ordentlicher Lehrer angeſtellt. Von hier ſiedelte ich Oſtern
1870 auf ein vom 21. October 1869 datirtes Decret nach Büdingen über.“
Die Perſonalien des Herrn Dr. Haupt ſtehen in dem Oſterprogramme 1868 Seite 55 verzeichnet. Außerdem weiſen wir auf die Chronik im Oſterprogramm 1869 Seite 58 zurück. Hier haben wir uur noch zu bemerken, daß Herr Dr. Haupt von Herbſt 1869 bis Oſtern 1870 eine Lehrerſtelle am Gym⸗ naſium zu Eutin bekleidete.
Zu derſelben Zeit, wo die neuen Collegen ihren Dienſt an dem hieſigen Gymnaſium antraten, gieng der prov. Lehrer Herr Emmanuel Zaubitz von der Anſtalt ab und nahm ſeinen Aufenthalt in der Univerſitäts⸗Stadt Gießen.
Am 13. Mai machten die Lehrer und Schüler des Gymnaſiums einen vom herrlichſten Wetter be⸗ günſtigten gemeinſamen Ausflug nach Hirzenhain, wo die Geſellſchaft das Hüttenwerk des Herrn Bu⸗ derus mit groͤßtem Intereſſe in Augenſchein nahm. Dieſer genußreiche Ausflug wird allen Theilnehmern eine angenehme Erinnerung bleiben.
Unmittelbar vor Pfingſten trat der prov. Hilfslehrer Herr Dr. Karl Franck von ſeinem Poſten zurück, nachdem er auf ſein Nachſuchen durch hohe Verfügung Großherzoglicher Oberſtudien⸗Direction vom 4. Mai 1870 ſeiner Functionen enthoben worden war. Die durch ſeinen Abgang entſtandene Lücke ward alsbald durch zwei tüchtige Lehrkräfte ausgefüllt, welche wir in der Perſon des Herrn Pfarrers Klein und in der des Herrn Wilhelm Schwarz gewannen. Letzterer wirkte vor ſeiner Anſtellung am Gymnaſium ſegensreich an einer der hieſigen Stadtſchulen. Die genannten Herren begannen nach den Pfingſtferien ihre lehramtliche Thätigkeit an unſerer Anſtalt.
Laut hohen Erlaſſes Großherzoglicher Oberſtudien⸗Direction vom 21. Juni 1870 iſt das Schul⸗ geld für das Gymnaſium zu Büdingen auf 36 fl. jährlich erhöht worden.
Als im Monat Juli des vergangenen Jahres das eitle und übermüthige Nachbarvolk der Franzo⸗ ſen einen furchtbaren Krieg mit den Deutſchen hervorrief und ſich die deutſche Nation einmüthig um den greiſen Heldenkönig Wilhelm I. von Preußen ſcharte, gelobend, tren zuſammenzuſtehen und auszu⸗ harren in dem ſchweren Kampfe für die Eyre, Unabhängigkeit, Sicherheit, Einheit und Größe des theueren deutſchen Vaterlandes: da wurden auch die Gemüther der lernenden Jugend von der unwiderſtehlichen Macht der glühendſten Begeiſterung und von der höchſten Aufregung ergriffen. Die heilige Flamme der edelſten Begeiſterung erhielt immer neue Nahrung durch den Hinblick auf die gewaltigen Schlachten, welche geſchla⸗ gen, auf die glorreichen Siege, welche von der unübertroffenen Tapferkeit der deutſchen Krieger und von dem Talente und der Umſicht ihrer Führer errungen wurden. Mit dem größten Enthuſiasmus gab ſich zugleich eine bewundernswerthe Opferwilligkeit unſerer Schüler kund. Es gereicht uns zur Freude, hier die Thatſachen regiſtrieren zu können, daß die Prämianden des hieſigen Gymnaſiums in dem verfloſſenen Herbſte auf die im Budget pro 1870 für Prämien vorgeſehene Summe von 30 fl. Verzicht leiſteten zu Gunſten der im Felde verwundeten und erkrankten deutſchen Krieger, und daß unſere Zöglinge zweimal⸗ Geldopfer auf den Altar des Vaterlandes legten.


