Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
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Jaſon. Bei allen Göttern, bei der Irrſal gleichem Loos, Bei unſ'rem Bund, den meine Treue nie verletzt, O ſchon' des Kindes! Gibt es Schuld, ſo iſt ſie mein: 1⁰006 Mich weih' dem Tode; ſchlachte hin mein ſchuldig Haupt!

Medea.

Wo du's nicht willſt, und wo's dich ſchmerzet, trifft mein Stahl.

Geh' nun, o Stolzer, frei' um Mädchen, und verſtoß' Als Mütter ſie!

Jaſon.

Zur Rache reicht ja Einer hin.

Medea. Wenn meine Hand befriedigt wär' von Einem Mord, 1010 Hätt' keinen ſie verübet. Doch, wenn beide ſelbſt Ich tödte, iſt die Zahl zu klein für meinen Grimm. Ja, hab' ich unter'm Herzen noch ein Pfand von dir, Durchwühl' ich mit dem Stahl den Leib und reiß' es aus.

Jaſon. Vollende denn nicht bitt' ich weiter deinen Gräu'l,

1⁰15 Den du begonnen, und beend'ge meine Qual.

Medea. Ha, weide dich an langer Pein; eil' nicht mein Grimm! Der Tag iſt mein; ich nütze die gegönnte Zeit. Sie tödtet das zweite Kind.

Jaſon. Mich tödte, Feindin!

Medea.

Wie, Erbarmen forderſt du?

Nimm hin, es iſt vollbracht! Mehr hatt' ich nicht, mein Schmerz,

¹⁰20 Zu opfern dir. Nun fſchlag' die trüben Augen auf, Treuloſer du, Jaſon. Kennſt du dein Gemahl? So flieh' ich. Hin zum Himmel ſteht der Weg mir frei; Zwei Drachen beugen die beſchuppten Nacken mir In's Joch. Die Söhne geb' ich, Vater, dir zurück. Ich fliege auf beſchwingtem Wagen durch die Luft.

Jaſon.

Ha, ziehe durch des hohen Aethers Räume fort Und künde, wo du zieheſt: Götter walten nicht!

1002 ff. Der Vaterſchmerz verſöhnt uns einigermaßen mit der früher geäußerten Charakterſchwäche.

1003. Auch jetzt noch behauptet er, nur aus Zwang gehandelt zu haben.