Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
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Vorwort.

Wer ſich einen Begriff von den Leiſtungen der Römer auf dem Gebiet der Tragödie verſchaffen will, der muß ſich vor Allem mit der Betrachtung jener zehn Tragödien beſchäftigen, die gewöhnlich dem Philoſophen L. Annäus Seneca, dem Lehrer Nero's, zugeſchrieben werden. Sind ſie ja doch die einzigen vollſtändigen Werke dieſer Art, die wir aus dem römiſchen Alter⸗ thum noch übrig haben, während uns von etwa dreihundert römiſchen Tragödien theils nur die Namen, theils einzelne Bruchſtücke überliefert ſind. Wenige Erzeugniſſe der römiſchen Literatur ſind daher ſo häufig vor den Richterſtuhl der Kritik gezogen worden und haben ſo verſchiedene Beurtheilung erfahren, als dieſe. Indeſſen iſt die Kenntniß dieſer Stäcke, die im Mittelalter vielfach geleſen und nachgeahmt wurden, in unſerer Zeit mehr das Eigenthum der Gelehrten ge⸗ blieben, und es iſt auffallend, daß bis auf den heutigen Tag noch keine deutſche metriſche Ueber⸗ ſetzung derſelben, die genießbar zu nennen wäre, vorhanden iſt. Zwar lieferte Swoboda(Wien und Prag 1825 ff.) eine metriſche Ueberſetzung ſämmtlicher Tragödien, niachte aber dabei den großen Fehler, daß er nicht nur im Dialog, ſondern auch in den lyriſchen Partieen das Versmaß der Urſchrift verließ. Außerdem baſirt deſſen Ueberſetzung zum Theil auf unrichtigen Lesarten und iſt daneben ſo frei, daß ſich aus ihr nur ſchwer der eigentliche Charakter des Originals erkennen läßt. Wenn ich es nun verſuche, in den nachfolgenden Blättern ſelbſt eine metriſche Ueberſetzung einer dieſer Tragödien zu geben, welche von den eben gerügten Mängeln frei ſein ſoll, ſo beab⸗ ſichtige ich damit weniger, der Wiſſenſchaft einen Dienſt zu leiſten, als vielmehr, das größere Publikum mit dem Charakter der Seneca'ſchen Muſe überhaupt bekannt zu machen. Möge meine Arbeit gütige Aufnahme und nachſichtige Beurtheilung finden!. 4