Aufsatz 
Rede bei der Sedanfeier am 2. Sept. 1874
Entstehung
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. Und nun ſteht dieſes Reich ſeit beinahe vier Jahren vor uns, und wir ſehen überall, wohin wir

blicken, die ſegensreichen Früchte reifen, welche die Wiederherſtellung desſelben unſerm nationalen Leben bereits ſchon gebracht hat, oder demlccſt zu bringen verheißt. Wir nehmen wieder die uns gebührende Stelle in der euro⸗ päiſcheu Völkerfamilie ein und dürfen unſere Stimme in allen allgemeinen Angelegenheiten derſelben laut und nach⸗ drücklich erheben. Wir haben einen perſönlichen Repräſentanten und Beſchützer unſres Volksthums, den Kaiſer, der aber nicht blos, wie ſeine Vorgänger in den letzten Jahrhunderten einen bloſen Titel und einmal im Leben die phan⸗ taſtiſchen Inſignien einer längſt zu Grabe getragenen Zeit trägt, ſondern in deſſen Hand eine Machtfülle vereinigt iſt, die ein eingreifendes Wirken zum Heile des Vaterlandes möglich macht. Damit aber hierbei jede Willkühr und Uebereilung ausgeſchloſſen wird und ſowohl das Recht der Fürſten, als das des Volkes gewahrt bleibt, iſt der Kai⸗ ſer bei ſeinen Entſchließungen und Anordnungen an den Beirath und die Zuſtimmung zweier ihm zur Seite ſtehen⸗ der vertretender Körper gebunden, nämlich des Bundesrathes, welcher, aus den Repräſentanten der einzelnen Bun⸗ desgliedern beſtehend, die berechtigten Intereſſen derſelben zu ſchützen und die auf dem Boden der gegebenen Ver⸗ hältniſſe ſtetig fortſchreitende Entwicklung zu erſtreben hat, und des Reichstags, welcher, aus allgemeinen Volkswah⸗ len hervorgegangen, den im Leben des Volkes jeweilig neu auftauchenden Bedürfniſſen und Anſchauungen Ausdruck zu geben berufen iſt. Zur Aufrechterhaltung der äußeren und inneren Sicherheit des Vaterlandes haben wir eine einheitlich organiſirte Land⸗ und eine in der Entwickelung begriffene Seemacht, die uns allen Eventualitäten der Zu⸗ kunft ruhig entgegenſehen läßt. Damit aber jeder Deutſche, wo er ſich innerhalb der Reichsgrenzen aufhält, weiß, daß er in ſeinem Vaterlande iſt, beſitzen wir ein allgemeines deutſches Heimathsrecht, das jedem arbeitsfähigen Deutſchen das Recht giebt, ſein Gewerbe innerhalb der Reichsgrenzen zu treiben, wo er will, dem in Noth und Be⸗ drängniß gerathenen aber überall den Anſpruch auf die öffentliche Unterſtützung ſichert. Um auf dem wichtigſten Gebiete des änßeren Lebens, dem Rechtsgebiete, auf welchem bisher eine gar nicht zu beſchreibende und für die Ge⸗ ſammtheit, wie für die Einzelen die größten Unzuträglichkeiten mit ſich bringende Buntſcheckigkeit herrſchte, eine Uebereinſtimmung herbeizuführen, ſind bereits Vorbereitungen zur Schaffung eines gemeinſamen deutſchen Rechtes im lebhaften Gang begriffen; ja einzelne Zweige desſelben ſind ſchon in dem ganzen Reiche eingeführt, und die an⸗ dern werden hoffentlich nicht mehr allzulange auf ſich warten laſſen, und dann beſitzen wir in der Gleichheit des Rechts ein weiteres von den wirkſamen Bindemitteln, welche Nationen und Staaten zuſammenhalten. Daß dieſelbe Uebereinſtimmung auf dem materiellen Gebiete in Beziehung auf Poſt⸗, Telegraphen⸗ und Eiſenbahnweſen bereits größtentheils vollzogen und in Beziehung auf gleiches Geld, gleiches Maaß und Gewicht theoretiſch bereits feſtge⸗. ſtellt iſt und praetiſch ganz in der Kürze ins Leben treten wird, das Alles darf als bekannt vorausgeſetzt werden. Und ſo ſehen wir denn, wohin wir den prüfenden Blick richten, daß auf dem deutſchen Boden in ruhiger, geordneter Weiſe ſich in dem kurzen Zeitraum von kaum vier Jahren eine ganze Reihe heilſamer Entwickelungen und glückver⸗ heißender Umgeſtaltungen vollzogen hat, zu denen andere Nationen oft Jahrhunderte, große Umwälzungen und er⸗ bitterte Kämpfe nöthig gehabt haben. d Und darüber ſollten wir uns nicht freuen? Die Hindeutung auf ſolche nationale Errungenſchaften ſollte unſer Herz kalt und gleichgültig laſſen? und der heutige Tag, der ſo recht dazu geeignet iſt, alle dieſe Erinnerungen auf einen Punkt zu concentriren, ſollte nicht ein Feſt⸗ und Jubeltag für uns ſein? O, laſſet mich des Glaubens leben, daß Niemand unter uns iſt, der nicht freudig in den Jubelruf mit einſtimmt, mit dem, wie heute Morgen das Glockengeläute unſerer Stadt, ſo ganz Deutſchland den heutigen Tag begrüßt hat.

Unſere Freude über die beglückenden Erinnerungen des heutigen Tages iſt aber nur dann die rechte, wenn ſie uns zu dem Gelübde veranlaßt, unſrerſeits alles Mögliche dazu beizutragen, daß die ſegensreichen Errun⸗ genſchaften der letzten vier Jahre unſerem Volke in der Zukunft erhalten bleiben und immer mehr zur Beförderung der Wohlfahrt des großen Ganzen, wie jedes Einzelnen verwerthet werden.

Und zur Faſſung eines dahin zielenden Vorſatzes möchte ich heute vor allem Euch auffordern, meine lieben Schüler. Wir Aelteren ſehen nur den Anfang der ſchönen für unſer Baterland neu angebrochenen Zeit. Ihr aber werdet die Früchte der Jahre 1870 und 71 weit länger und in weit reicherem Maße genießen, als es uns be⸗ ſchieden iſt. O, darum gelobet Euch, einſtens, wenn Ihr Männer geworden ſeid, Alles dazu beizutragen, daß dieſe Früchte unſerm Volke von keiner Seite her verkümmert, geſchmälert oder entriſſen werden. Um dies aber zu können, dazu bedarf es einer tüchtigen Vorbereitung in den Jahren, in denen Ihr Euch jetzt befindet. Nur wer in der Ju⸗ gend die ihm von Gott verliehenen Kräfte, und zwar die leiblichen ſowohl, wie die geiſtigen geübt und geſtärkt hat, wer einen geſunden, kräftigen und ausdauernden Körper und eine friſche, muthige, mit edeln Geſinnungen erfüllte Seele hat, nur der iſt fähig und geſchickt, den Anforderungen des Vaterlandes, zu deſſen Dienſte wir alle berufen ſind, im Frieden wie im Krieg Folge zu leiſten. Darum benutzet denn Eure Jugendzeit fleißig und gewiſſenhaft, da⸗ mit Ihr zu Jünglingen und Männern heranreift, die Deutſchland in den Tagen des Glückes zur Zierde und in den Tagen der Gefahr zur Stütze gereichen. Wenn Ihr das thut und wenn die ganze deutſche Jugend das Gleiche thut, dann dürfen wir der frohen Hoffnung leben, daß unſer Gebet nicht unerhört bleiben wird, das wir mit Millionen deutſcher Brüder heute zum Himmel emporrichten, indem wir ausrufen:Gott ſchirme, Gott ſegne unſer Vaterland, er ſchirme und ſegne unſern Kaiſer!