— 8—
einige der Unsrigen fielen. Durch diesen Erfolg wurden die Helvetier in eine gehobene Stimmung versetzt— hatten doch fünfhundert ihrer Reiter eine so überlegene feindliche Reiterabtheilung zer- sprengt— und ihre Nachhut machte jetzt zuweilen in kecker Weise Halt und reizte die Unsrigen durch Angriffe. Cäsar hielt seine Truppen vom Kampfe zurück und beschränkte sich vor der Hand darauf, den Raubzügen, Fourragierungen und Verheerungen der Feinde entgegenzutreten. Etwa fünfzehn Tage lang marschirten die beiden Heere in der Weise, dass zwischen der feindlichen Nachhut und unserer Vorhut eine Entfernung von nicht mehr als fünf bis sechs Meilen bestand.
16. Inzwischen richtete Cäsar täglich die dringende Mahnung an die Aeduer, das aus Staatsmitteln zugesicherte Getreide zu liefern. In Folge der rauhen Witterungsverhältnisse in den nördlichen Breiten, unter denen, wie früher erwähnt wurde, das gallische Land liegt, waren nämlich die Früchte auf den Feldern nicht nur nicht reif, sondern es waren nicht einmal hinreichende Futtervorräthe vorhanden; für das auf dem Arar zu Schiffe nachgesandte Getreide aber hatte Cäsar keine Verwendung, weil die Helvetier, mit denen er Fühlung behalten wollte, von jenem Flusse abgeschwenkt waren. Die Aeduer vertrösteten ihn von einem Tage zum andern; sie erklärten, das Getreide werde eingeliefert, abgeführt, bereitgehalten. Cäsar konnte sich nicht verhehlen, dass man ihn nur endlos hinzuhalten suchte; gleichzeitig aber sah er den Tag heranrücken, an welchem die Soldaten ihre Getreiderationen empfangen sollten. Er berief daher die zahlreichen Adelshäupter der Aeduer, die sich in seinem Lager befanden, unter ihnen den Divitiacus, sowie den Liscus, welcher das höchste Staatsamt in seinem Gau bekleidete. Dieser alljährlich neugewählte Staatsbeamte der Aeduer führt den Titel eines Vergobreten und verfügt über Leben und Tod der Gemeindeglieder. Cäsar beschwerte sich nachdrücklich über die Aeduer, welche ihm in so unmittelbarer Nähe der Feinde das Getreide in einem Augenblicke vorenthielten, wo er es weder missen, noch kaufen, noch ernten könne; er beklagte diese Vernachlässigung um so bitterer, da er sich in erster Linie durch das Hülfegesuch der Aeduer zum Kriege habe bestimmen lassen.
17. Jetst erst machte Liscus, der sich durch die Vorwürfe Cäsars in die Enge getrieben sah, die bisher zurückgehaltene Enthüllung, dass gewisse Aeduer in privater Lebensstellung, deren Einfluss auf die niederen Volksklassen sehr bedeutend sei und sogar die Macht der Staatsbehörden überwiege, durch aufreizende und gewissenlose Aeusserungen der Menge die pflichtmässige Ablieferung des Getreides nachdrücklich widerriethen, indem sie erklärten, wenn die Aeduer nicht mehr im Stande seien, die Führerrolle in Gallien zu behaupten, so möchten sie sich lieber der celtischen als der römischen Herrschaft unterwerfen; denn es unterliege ja doch keinem Zweifel, dass die Römer nach Besiegung der Helvetier den Aeduern ebenso wie allen übrigen Galliern die Freiheit rauben würden. Dieselben Männer verriethen den Feinden die Beschlüsse und Vorgänge im römischen Lager, und er sei ausser Stande, ihrem Treiben Einhalt zu thun; ja er verhehle sich nicht, welcher Gefahr er sich aussetze, wenn er, durch die Macht der Umstände gezwungen, dem Cäsar diese Mittheilung mache, und er habe desshalb so lange als möglich geschwiegen.
18. Cäsar begriff, dass sich diese Anspielungen des Liscus auf den Dumnorix, den Bruder des Divitiacus, bezogen, war jedoch nicht gewillt, diese Angelegenheit in Gegenwart zahlreicher Zeugen näher zu berühren. Er beeilte sich daher, die Versammelten zu verabschieden, behielt nur den Liscus zurück und suchte in einer vertraulichen Unterredung von ihm zu erfahren, was er in der Versammlung hatte sagen wollen. Liscus äusserte sich freimüthig und unbefangen. Cäsar wandte sich unter der Hand mit denselben Fragen an andere Aeduer und ermittelte, dass die


