Aufsatz 
Leitfaden über die Erziehung und Behandlung der Obstbäume
Entstehung
Einzelbild herunterladen

26

Stammes kommen. Alle Zweige ſchneidet man auf 3 5 Augen und heftet ſie ſchräge, wie die Speichen eines Rades auslaufen, an das Spalier. Bei dieſer Form hat man das Gleichgewicht aller Aeſte zu berückſichtigen und beſonders nach Grundſatz 3 die mittlern, mehr gerade ſtehenden Zweige durch ſchwächern Schnitt und gezwungene Lage in ihrem ſtärkern Wuchs zu hemmen.

Bei der Herzſtammform zieht ſich der Stamm bis zur Spitze fort. Jedes Jahr entwickeln ſich zwei Seitenäſte, aus denen ſich die Nebenäſte bilden. Man ſorge bei dieſer Form dafür, daß der Herzſtamm kein Uebergewicht über die Aeſte erlange, ſchneide daher dieſe anfangs recht ſtark, auf 2 3 Augen, den Haupt⸗ ſtamm aber auf 45 und verklebe letztern Schnitt ſorgfältig mit Wachs, damit das oberſte Auge jedesmal austreibe. Sollte deſſenungeachtet kein Eben⸗ maß erzielt werden, ſo bringe man den Hauptſtamm in etwas gezwungene Lage. Sobald dieſer Spalierbaum ſeine vollſtändige Krone erlangt hat, wird der Herz⸗ ſtamm unterdrückt, d. h. er wird in der Kronenſpitze abgeſchnitten, ohne eine neue Verlängerung zu erwarten. Manche Baumzüchter ſchneiden bei üppigem Wuchſe den Herzſtamm zweimal in einem Jahr, um ſtatt der 2 oder 3 Seitenäſte deren 5 in demſelben Jahr zu erhalten, da, im Falle ein Aſt im Sommer beſchnitten wird, die Augen des diesjährigen Holzes austreiben. Dies iſt aber eine bedenkliche Sache; denn der Froſt zerſtört nicht ſelten die gewaltſam erzeugten Zweige, weil ſie nicht völlig reif geworden ſind..

Wenn alle Zweige nach Wunſch wachſen, dann hat keine der bezeichneten Formen beſondere Schwierigkeiten; allein oft wird man ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht finden, da die ſcheibenförmige Ausbreitung der Krone keine natürliche iſt. Bald wird dieſer oder jener Aſt einen ſtärkern oder ſchwächern Wuchs zei⸗ gen, oder ganz ausbleiben. Man muß daher den jungen Spalierbaum beſtändig im Auge behalten, den zurückbleibenden Aſt durch ſtärkern Schnitt und freien Wuchs kräftigen, den überwiegenden durch ſchwachen oder keinen Schnitt und gewaltſame Lage zurückhalten, und ganz beſonders Lücken zu verhüten ſuchen. Immer beachte man den pädagogiſchen Grundſatz: Es iſt beſſer, ein Uebel zu verhüten, als zu heilen. Hat ſich deſſenungeachtet eine Lücke in der