Aufsatz 
Leitfaden über die Erziehung und Behandlung der Obstbäume
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

gekehrtem Verhältniß des Triebes auch der Hauptſtamm mehr oder weniger ver⸗ kürzt, wodurch nach Grundſatz 4 ſich ein kräftiger Zweig entwickelt. Das Ab⸗ nehmen der Spitze iſt auch dann nöthig, wenn dieſe nicht völlig reif geworden iſt, oder durch Froſt gelitten hat.

Treibt durch irgend eine Einwirkung der Stamm ſchwach, oder iſt er ſtark beſchädigt worden, und nimmt dagegen ein Seitenzweig faſt alle Säfte auf; ſo ſchneidet man den Stamm über dieſem Seitenzweige ganz ab und macht aus die⸗ ſem den Hauptſtamm, was um ſo leichter möglich iſt, da ein ſolcher Zweig ge⸗ wöͤhnlich die Richtung des Hauptſtammes hat. Wäre dieſes nicht der Fall, ſo müßte man denſelben an den Pfahl in dieſer Richtung anbinden, jedoch nicht zu gewaltſam, weil an der Stelle, an welcher eine ſtarke unnatürliche Biegung Statt findet, die Gefäße gedrückt und ſomit die Zweige im kräftigen Wuchſe ge⸗ hemmt werden.

Eine Wunde, welche am Stamme entſteht, wird bis auf's geſunde Holz völlig glatt ausgeſchnitten und mit Pflaſter verwahrt.

Sobald der Hauptſtamm die Kronenhöhe erlangt hat, ſchneidet man ihn an einem Orte ab, an welchem die Augen zur regelmäßigen Bildung der Krone günſtig ſtehen. Von den, aus den oberſten Augen ſich bildenden Zweigen bleiben 3 5 als Hauptleitzweige ſtehen, und nun iſt der Baum zum Verſetzen an ſeinen künftigen Standort tauglich. An Bäumen, welche bei dieſer Ausbildung noch in der Baumſchule verbleiben, werden die Hauptleitzweige jedes Jahr auf 2 4 Augen verkürzt und alle andere abgenommen. Bei dieſem Schnitt muß beſonders der Stand des oberſten Auges berückſichtigt werden, weil der ſich aus ihm entwickelnde Zweig die Verlängerung des Hauptleitzweiges bildet, und zwar wird bei Zweigen, die eine Neigung zu geradem Wuchſe haben, über einem aus⸗ wärts weiſenden Auge, im umgekehrten Falle über einem nach Innen ſtehenden verkürzt und bei gewünſchtem Wuchſe jährlich gewechſelt.

Selten wird ein Baum bei der angegebenen Behandlung in der Baumſchule Neigung zum Fruchttragen zeigen; ſollte dieſes jedoch einmal der Fall ſein, ſo iſt es ein Beweis von einem ſich langſam bewegenden Safttriebe, alſo von einem

3