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mittlern bei Pflanzen, welche ihres einsamen Standortes oder der Unscheinbarkeit der Blüten wegen nur wenig von andern Insekten besucht werden, z. B. Listera ovata.
Allen übrigen wespenartigen, sowie andern Insekten weit überlegen als Honig- und Pollensammler, also auch als Blumenbefruchter, sind die Blumenwespen oder Bienen. Sie sind die nahrungsbedürftigsten, fleissigsten und geschicktesten von allen Blumen besuchenden Insekten. In ihrer ganzen Ernährung vom Ei an sind sie auf Blumennahrung angewiesen. Aber schon zu ihrem eigenen Lebensunterhalte bedürfen sie verhältnissmässig eine weit grössere Menge von Nahrung als andere Insekten, da sie zur Erhaltung ihrer Nachkommenschaft anstrengende Arbeiten zu verrichten haben, welche eine dem Kräfteverbrauch entsprechende Nahrungsmenge erfordern. Das Futter, das sie zur Ernährung ihrer Nachkommen in solcher Menge einsammeln, dass es bis zu deren Entwicklung ausreicht, besteht aus Honig und Blütenstaub. Um ihrer Brut ausser dem Nahrungsbedarf noch Schutz gegen Witterungsungunst und gegen Feinde zu bieten, fertigen sie geschützte und kunstvolle Wohnstätten, wozu sie wiederum Blumenstoffe als Baumaterial benutzen. Ihr ganzer Körper ist daher auch aufs zweckmässigste zum Sammeln von Honig und Blütenstaub eingerichtet.(Hummel- und Honigbiene.) Durch alles dies werden sie die einflussreichsten, bedeutendsten Blumenbesucher. Es gibt sehr viele Blumen, welche ohne Hülfe der Bienen nur selten befruchtet würden, z. B. Vaccinium, Erica, Linaria, Luphrasia, Papi- lionaceen u. s. w. Die Hummeln können vermöge ihres längeren Rüssels den Honig mancher Blüten erlangen, welcher den Honigbienen schwer oder gar nicht erreichbar ist; sie entwickeln ihre Thätigkeit gewöhnlich an niedrigbleibenden Gewächsen und weniger an Blüten von Bäumen. Auch haben die meisten Bäume schon abgeblüht, ehe die Hummeln, von welchen nur wenige den Winter überleben, sich stärker vermehren konnten; zudem werden ihre Colonien nie so zahlreich, als die der Honigbienen. Hummeln und Honigbienen ergänzen sich in ihrem Wirken. Die Honigbienen, welche in bedeutend grösserer Zahl üherwintern, können beim Erwachen des Frühlings mit Macht in das Befruchtungswerk der Pflanzen eingreifen; Schneeglöckchen, Veilchen, Maiblümchen und andere Frühlingsboten werden ausschliesslich von ihnen befruchtet. Besonders wichtig aber ist ihr massenhaftes Wirken bei den Obstbäumen; diese blühen alle zu einer Zeit des Frühlings, wo es noch nicht viele andere befruchtende Insekten gibt, als die Honig- bienen. Letztere aber sind stets bereit, jede sturm- und regenfreie Stunde zu benutzen, Honig und Blütenstaub einzutragen, wodurch sie die Befruchtung der besuchten Blüten bewirken. So sind sie in Gärten und Wiesen, Feld und Wald rastlos thätig, bis der heranrückende Winter ihrem Wirken ein Ziel setzt.
Aus den wenigen angeführten Thatsachen, deren es so viele und mannigfache gibt, geht zur Genüge hervor, in welch inniger und beständiger Wechselbeziehung Insekten und Pflanzen stehen, aber auch welch hohes Interesse die Beobachtung und Erforschung der gegen- seitigen Wechselwirkung erwecken können. In letzterem liegt gerade für die Schule ein be- sonderer Werth, da der naturgeschichtliche Unterricht, von diesem Gesichtspunkte aus betrieben, sowohl auf Lehrende als auf Lernende grosse Anziehungskraft ausübt. Besonders aber wird dadurch dem Unterricht in der Botanik mehr Interesse abgewonnen werden, als wenn sich derselbe, wie es meist üblich ist, nur auf Uebung im Beschreiben und Bestimmen einheimischer Pflanzen und auf Feststellung der Charakteristik von Gattungen und Familien beschränkt.
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