Aufsatz 
Einige der vorzüglichsten Ursachen des altrömischen Tugendsinnes : Viertes Stück
Entstehung
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Sey es mir denn, ehe ich aus den fruͤheren Jahrhunderten der roͤmiſchen Republik die in meinem vorigen Herbſtprogramme verſprochene Beiſpielſammlung altroͤmiſcher Tugenden liefere, noch einmal vergoͤnnt, das hieſige Publikum mit demſelben Gegenſtande zu unterhalten. Der Stoff iſt ſo lehrreich und ſo anziehend zugleich, daß ich wohl nicht befuͤrchten darf, mit der vierten Abhandlung dieſer Art den Leſer zu ermuden.

Selbſt, wenn wir uns an die Tafelrunde eines fruͤheren Roͤmers zuruͤckdenken und unter Floͤtenſpiel und Geſang das Gaſtmal zu Ende gehen ſehen, ſelbſt dann koͤnnen wir uns jenen vorherrſchenden, Roms ſchoͤnere Periode ſo ſichtbar be⸗ zeichnenden, Sinn fuͤr Alles, was edel und groß iſt, gewiſſer⸗ maßen erklaͤren. Dieſe Behauptung koͤnnte allerdings Manchem ſonderbar ſcheinen; ja, wer ſich die Gaſtmale der aͤlteren Roͤ⸗ mer gleich den ausſchweifenden Gelagen der ſpaͤteren Weltbe⸗ herrſcher denken wollte, muͤßte ſie vollends widerſprechend fin den. Aber welcher Kundige ſieht nicht ſogleich, daß ich auf eine uͤberaus loͤbliche Sitte der fruͤheren Roͤmer, auf ihre be kannten feierlichen, zum Lobe großer Ahnherrn angeſtimmten, Tafelgeſaͤnge hindeute?

So wie es faſt bei allen Voͤlkern des Alterthums gewoͤhn lich war, die Verdienſte vorzuͤglicher Menſchen noch lange nach ihrem Tode durch geſellſchaftlichen Geſang zu verherrlichen und dadurch ihren Namen auf die Nachwelt zu verpflanzen, ſo war es auch, nach Ciceros*) und Anderer Zeugniſſen, altroͤmiſche

*) Tusc. IVY, 2. Brut. 19..