Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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ſchen Boden, ein Feuerſtrom der lyriſchen Begeiſterung hervor, und in den philoſophiſchen Gärten dieſer beiden Denker wächſt manche dichteriſche Blume, von der milden Verklä rung des Sophokles bei dem Einen, von der heroiſchen Kraft des Aeſchylos bei dem Andern. Aber den dichteriſchen Blick für die Erfaſſung des einzelnen, vom Leben der Idee durchdrungenen Gegenſtandes haben ſie nur in einzelnen Epiſoden, und ebenſo fehlt ihnen in der Wiſſenſchaft die nüchterne und ſcharfe Beobachtung des individuellen Daſeins. Ja es liegt namentlich in Hegels wiſſenſchaftlicher und ſittlicher Grundrichtung, daß er das Individuelle nicht allein durch das Allgemeine läutert und verklärt, ſondern daß er es oft völlig darin untergehen läßt. Die ganze pantheiſtiſche Weltanſicht dieſer Männer iſt eine Kriegserklärung gegen das Princip der Perſönlichkeit, das unſere neuere Philo ſophie wieder zur Herrſchaft zu bringen ſcheint. Bei dem unglücklichen Hölderlin zeigt ſich jener Pantheismus wie in einer Knospe, worin poetiſche, religiöſe und philoſophiſche Anſchauungen verworren in einander liegen; wie ſeinem Dichten und Denken die Be⸗ grenzung fehlt, ſo iſt ſeine Perſönlichkeit ſchattenhaft und geht in ſittlicher Verworrenheit endlich dem Wahnſinn entgegen.

Bei Uhland finden wir nun das poetiſche von dem philoſophiſchen Element mit glücklichem Takte abgeſondert und auf ſeinem Boden rein und unabhängig dargeſtellt. Wenn er ſich ſchon dadurch von Schiller weſentlich unterſcheidet, ſo kommt hierzu das geſündere Organ für die getreue Erfaſſung der Wirklichkeit und für die feſte, ſcharf um grenzte Nachbildung derſelben, ſo daß er ihr nirgends den idealen Gehalt ſeines eigenen Inneren aufzwingt, ſondern die Seele der Wirklichkeit durch ſeine Darſtellung hervor⸗ zieht, an die Oberfläche der Geſtalt heraustreten läßt und mit dem ſanften Lichte ſeines Seelenlebens verklärt. Darin aber liegt ſeine Verwandtſchaft mit Schiller, daß bei ihm das partikuläre Ich und deſſen beſondere Erlebniſſe im Hintergrunde ſtehen. Er iſt in ſeiner innerſten Lebenswurzel, wie Schiller, ein objectiver Dichter; wenn aber bei dieſem das Object, in dem er ſein Ich untergehen läßt, die allgemeine Idee iſt, ſo iſt es bei Uhland das allgemeine Leben des Volkes und der Menſchheit, das er mit liebevoller Seele in ſich aufnimmt und an einzelnen Geſtaltungen veranſchaulicht.

So verbirgt ſich denn unſer ſchwäbiſcher Sänger mit einer homeriſchen Anſpruchs loſigkeit hinter den Gebilden ſeiner dichteriſchen Welt, und die ſtille Begeiſterung, womit er ſie durchathmet, wird ihm nicht von einer bewegten, kämpfenden Einzelperſönlichkeit eingegeben; die Muſe ſeines Geſanges iſt das Volk. Vergebens würden wir uns nach reichlichen Thatſachen einer Lebens⸗ und Herzensgeſchichte in ſeinen Liedern umſehen. Aber es drängt uns doch immer bei der Beſchäftigung mit einem Dichter, auf dem Grund ſeiner ein zelnen Werke das Bild ſeiner Seele, die Geſtalt ſeines perſönlichen Genius zu entdecken, und Uhland ſpricht ja ſelbſt in dem Vorworte zu ſeinen Gedichten die Hoffnung aus, daß wir ihn und ſein ganzes Weſen darin wiedererkennen würden.*) So kündigt ſich denn auch dieſes Weſen, zwar nicht in ſeiner perſönlichen Entwickelungsgeſchichte, oder in ſeinen einzelnen Erlebniſſen, aber doch in heiliger Stille, wie eine ſanfte Geiſterſtimme bei ihm an, und es gibt unter ſeinen Gedichten manche, in denen ſich ſeine ganze Tiefe, wenn auch nur durch einen muſikaliſchen Hauch des Gemüthes vor uns aufſchließt, namentlich wenn er ſich vom Geräuſche der Welt zurückzieht und nur von der Natur, der Geſpielin ſeiner Einſamkeit, belauſcht, den friedlichen, den ſeligen Blick in ſich ſelbſt oder auf Gott richtet. Er iſt ſo weit davon entfernt, mit ſeinem perſönlichen Leben ſich vorzudrängen, daß er die Heiligthümer ſeines Innern nur mit einer jungfräulichen Schüchternheit und

*) h vielleicht, wer ſtillem Deuten nachzugehen ſich bemüht, ahnt in einzelen Geſtaltungen größeren Gedichts Entfaltungen und als Einheit im Zerſtreuten unſres Dichters ganz Gemüth. Vorwort zur erſten Auflage 1815.

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