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Volksliedern gebildet hat. Er unterſchied ſich auch darin von den Romantikern, daß er ſich über das Mittelalter nicht in allgemeinen, dämmernden Anſchauungen verlor, ſondern demſelben ein ebenſo gründliches als liebevolles Studium widmete. Vor allem iſt er in den Geiſt unſerer mittelalterlichen Poeſie tief eingedrungen, und hauptſächlich von dieſer geht auf ſeine eigenen Dichtungen ein zauberiſcher Farbenglanz des Ideals und ein Adel der künſtleriſchen Haltung über, während ſein tiefſtes Gemüth dem Volke angehört und deshalb in den Weiſen deſſelben den reinſten Widerhall findet. Bekanntlich lag in unſeren Volksliedern, bei der großen Verwirrung und äſthetiſchen Entartung, die nach dem Untergange der ritterlichen Poeſie in Sprache und Literatur einriß, der einzig feſte Haltpunkt für unſere in ein völliges Schwanken gerathene Metrik, und zugleich bewahrten die länd— lichen und bürgerlichen Sänger, die namenlos und als Stimmen des Volkes ihre Melodieen vortrugen, die ganze Feinheit der Hohenſtaufen'ſchen Periode, die aber jetzt in der Lyrik von einem geſünderen Marke der Wahrheit durchdrungen wurde. Dieſe Zartheit der Empfindungen, dieſes angeborne klaſſiſche Gefühl für den Ausdruck, dieſer ätheriſche Hauch, der nicht ſelten die volksthümliche Darſtellung durchzog, dieſer leichte, geflügelte, oft räthſelhafte Gang der Erzählung blieb unſerem Bürger bei dem Streben nach der Krone des Volksdichters beinahe völlig verſchloſſen. Erſt Goethe ſollte auch in dieſer Beziehung den richtigen Weg finden oder, wie Uhland ſagt, die deutſche Poeſie, die wunderſchöne Königstochter, aus ihrem Zauberſchlafe erwecken. Uhland folgte dieſem Meiſter in der volksthümlichen Geſangesweiſe nach, ohne ſich von ihm abhängig zu machen; ja er wußte den herzlichen, heimiſchen Ton des Volkes mit lebendigerer Sympathie wiederzugeben und näher zu treffen als ſein großes Vorbild; doch gelang es ihm in ge— ringerem Grade, ſeine eigene Natur in der überlieferten Geſangesweiſe zu behaupten und durchzuſetzen. Obgleich die Verjüngung und Fortbildung des volksthümlichen Liedes eine Reihe ſeiner vortrefflichſten Gedichte hervorrief, ſo macht er doch öfter den Eindruck, daß bei ihm dieſe Richtung nicht überall in ſeiner Natur gegründet war, ſondern vielfach als eine Frucht aus ſeinen gelehrten Studien erwuchs. Auch ſtimmt es mit der natürlichen Entwickelung eines Dichters, der aus den gebildeten Ständen hervorgeht und zunächſt für dieſe ſchreibt, nicht ganz überein, daß er in die Gefühls- und Darſtellungsweiſe des Volkes ſich nicht blos verſetzt, ſondern öfter geradezu darin anfgeht. Fragen wir außer— dem nach ſeinem Zuſammenhange mit Vorgängern und Zeitgenoſſen, ſo erſcheint er, bei wenigen Reminiscenzen, im weſentlichen als ſelbſtſtändig, obgleich er von jeder Sucht nach Originalität frei iſt, obgleich er ſich eifrig nach ſeinen Muſtern, z. B. auch nach den engliſchen und ſchottiſchen Balladen gebildet hat.
Es ſcheint ein allgemeiner Grundzug der bedeutendſten aus dem Schwabenlande hervorgegangenen Dichter und Denker zu ſein, daß bei ihnen die individuelle Begrenzung des Geiſteslebens vor der Allgemeinheit der Idee und vor den nationalen und menſch— heitlichen Intereſſen zurücktrat, während aus Mitteldeutſchland der Mann hervorging, der ſich die große Aufgabe ſetzte, das Recht des individuellen Daſeins im Leben, Denken und Dichten durchzukämpfen. Bei Schiller drängt ſich in der Charakterzeichnung immer das Gattungsmäßige hervor, und die eigentliche Seele ſeiner Geſtalten iſt irgend eine Seite der ſittlichen Idee, wobei die Wirklichkeit des Lebens nur zu leicht ſich in eine traumartige Dämmerung verliert. Seine lyriſchen Gedichte ſind beinahe nie von einem individuellen Erlebniß eingegeben, ſondern faſt immer nur von einem großen Gedanken, der bei ihm, wenn er die abſtracte Form überwindet, zur Ekſtaſe, zum feurigen Rauſche der Begeiſterung wird. Auch auf dem Boden der Philoſophie bleibt er bei der Allge— meinheit des Gedankens ſtehen und erkennt denſelben nur ausnahmsweiſe mit dem ſcharfen Blicke der Beobachtung in der einzelnen Thatſache wieder. Wenn bei ihm die Thätigkeit der ſchaffenden Phantaſie beſtändig von der Allgemeinheit des Denkens gekreuzt wird, ſo bricht aus Schellings und Hegels Gedankenſyſtemen häufig, wie aus einem vulkani—


