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Nicht dringend genug lässt sich eine Einrichtung empfehlen, die seit einigen Jahren am hiesigen Gymnasium und, wie ich wohl annehmen darf, auch noch an manchen anderen Anstalten getroffen ist, eine Einrichtung die, für die mittleren Classen namentlich berechnet, zum Zweck haben soll, nicht nur das Gedächtniss im Allgemeinen zu üben, sondern auch die grammatische Belehrung in sorgfältig ausgewählten Mustersätzen, wie sie sich in den neuesten Auflagen der Ostermann'’schen Uebungsbücher als Anhang finden, bei den Schülern fest zu machen; denn nirgends mehr als hier gilt der Spruch Seneca's:„longum est iter per praecepta, breve et efficaæ per erempla““. Liesze sich neben dem Erlernen solcher Normalbeispiele noch auszerdem das Memoriren von Musterstücken oder loci memoriales, ¹) die aus Nepos, Cäsar, Cicero, auch wohl Livius zu ent- nehmen wären, consequent durchführen, so müsste sich nach meiner Ueberzeugung nach und nach ein guter Fonds bei den Schülern ansammeln, der zu einer Beherrschung und selbständigen Be- handlung der lat. Sprache in Aufsätzen und Sprechübungen führen und auf die schon oben betonte Sprachgewandtheit nicht ohne Einfluss bleiben dürfte.
Dass daneben auch Phädrus Fabeln, ausgewählte Abschnitte aus Ovid's Metamorphosen, Virgil's Aeneide, ganze Gedichte oder passende Sentenzen aus den Werken des Horaz einen hohen instructiven und nebenbei auch sittlichen Werth haben, unterliegt keinem Zweifel, wie denn in der That auf allen Lehranstalten dergleichen Memorirstoff sich anzueignen die Schüler angehalten werden.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unterlassen, auf die vorher aufgeworfene Frage, ob man den Schülern hie und da directe Uebertragungen aus einer alten Sprache in die andere zumuthen dürfe, noch einmal zurückzukommen und die pure Verneinung derselben dahin rectificiren, dass man allerdings die Schüler auf ein Gruppiren und Parallelisiren geeigneter Stellen hinweisen soll. ²) Ich pflichte gern der Ansicht eines geschickten Pädagogen und mir besonders werthen Mannes ³) bei, welcher solche Zusammenstellungen nicht als eine Spielerei angesehen wissen will, sondern mit Recht behauptet, dass frisches Leben und stete Aufmerksamkeit bei den Schülern da- durch erweckt werden. ⁴)
¹) Die betreffenden Fachlehrer des Gymnasiums in Gütersloh haben eine zweckentsprechende derartige Zusam- menstellung gemacht.
2²) Ameis und Nauck haben in dieser Beziehung ein weiteres Moment urgirt und m. E. mit vollem Recht ver- langt, auch bekannte deutsche Dichterworte zur Uebersetzung und Erklärung heranzuziehen.
³) Gustav Schimmelpfeng: Die gruppirende Unterrichtsmethode, Marburg, Gymnasialprogramm 1865. p. 34.
¹) Z. B. Hor. carm. I. 2. 31 und 32: Nube candentes humeros amictus Augur Apollo cf. Hom. II. XV, 307: 1609 d 2i, 505 O0os ArGAkG ei»s GB, vH.— H. c. I. 7, 30 u. 31: O fortes pejoraque passi Mecum saepe viri cf. Hom. Od. XII, 208: ꝓoν, 05 d 0 d ee dStovec ihsv. 00 Lv d Tde heeoy Ent zanbv.— H. c. I. 37. 16— 18:... Caesar ab Italia volantem(Cleopatram) Remis adurgens accipiter velut Molles columbas cf. Hom. Jl. XXII. 139: vök= 116νν sεερνν Xρρ εεευοο e eGv, Hril⸗ 0nS= bstd rpova ieaco.— H. c. IV. 4. 29: Fortes creantur fortibus et bonis cf. Eurip. Alcm. 8: Eohkv r' dv?„ 293 Jivstat derwg.— H. c. IV. 7. 17 u. 18: Quis scit, an adjiciant hodiernae crastina summae Tempora di superi? cf. Eurip. Alcm. 746: 100% or den.


