Aufsatz 
Bemerkungen zur Methodik des lateinischen Unterrichts / von Zilch
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II

thätigkeit und Selbständigkeit gestählt ihrem Fachstudium obliegen, um später getrost ins Leben zu treten und auf jedem Lebensgebiet eine ersprieszliche Thätigkeit zu entfalten.

Wenn der altsprachliche Unterricht überhaupt diesen eben dargelegten Werth und Nutzen hat, so ist die Beschäftiguhg mit der lateinischen Sprache insbesondere von der gröszten Wichtig- keit nicht nur wegen der einflussreichen Stellung, welche dieselbe in der Gesammtheit der Sprachen aller gebildeten Völker einnimmt, sondern vor Allem auch wegen des gediegenen Schatzes von den Geist gründlich bildenden Elementen, die aus ihr der Jugend zu freiem Eigenthum übermittelt- werden können. Selbstverständlich steht hier, wie schon vorher bemerkt, der formale Gewinn obenan, doch dürfen in zweiter Linie auch die materiellen Vortheile nicht unterschätzt werden, die ein reichlicher Stoff zu praktischer Belehrung bietet, um ebenfalls aus ihm und durch ihn die Denk- kraft anzuregen und zu lenken. Die lateinische Sprache vereinigt in ihrem innersten Wesen strenge Gesetze mit dennoch hervortretender Leichtigkeit und Beweglichkeit; ihre Formen ent- springen einer lebhaften Gestaltungsfähigkeit, ihre Constructionen zeigen eine kraftvolle Ent- schiedenheit und Sicherheit und bewegen sich zwar in objectiven Vorschriften, ohne indessen dem subjectiven Ermessen einen allzu knappen Spielraum vorzuschreiben.

Wollen wir nun unsere Schüler dahin bringen, dass sie sich in der lateinischen Sprache zu Hause fühlen, so handelt es sich meines Erachtens nicht allein darum, sie zu einer gründlichen Sicherheit im Können und Anwenden der Formen, zu einem verständnissvollen Beherrschen der syntaktischen Vorschriften und Regeln fähig zu machen, sondern es muss auch darauf hingearbeitet werden, dass wo möglich schon bei den Schülern der mittleren Klassen, eine normale Qualification derselben vorausgesetet, die von Germanismen einigermaszen gesäuberte und vom color latinus wenigstens annähernd durchdrungene Sprache mit einer gewissen Gewandtheit und ohne allzu lange Ueberlegung schriftlich und mündlich zum Ausdruck komme. Manche Schüler auch der oberen Classen, die das Gebiet der Formenlehre mit groszer Sicherheit beherrschen, die Regeln der Syntax, die Verknüpfung der Satztheile und Entwickelung der Perioden gründlich kennen, sind doch, wenn es darauf ankommt, etwas ex tempore schriftlich zu leisten oder auf lateinische Fragen lateinisch zu antworten, sehr ungelenk, eckig und steif. Aber alle Mühe und Sorgfalt der Lehrer, dieser Unbeholfenheit zu steuern, wird vergeblich sein, wenn nicht von Sexta auf die Methode zur Geltung kommt, dass die Knaben, natürlich cum grano salis, an das richtige Hören ¹) und Auffassen lateinischer Wörter und kleiner Sätzchen gewöhnt werden und zwar so, dass das Ohr schon auf dieser Stufe, wie Nägelsbach ²) in seiner Gymnasialpädagogik betont, und Rothfuchs ³)

¹) Auch Director Prof. Dr. Schiller sagt in seiner Abhandlung:der lat. Stil, Programm des Gymnasiums in Giessen 1877, p. 11:Von vornherein muss das Verständniss der Sprache durch ihr passives Organ naturgemäsz vermittelt und das Ohr an den Klang der Sprache richtig und ausreichend gewöhnt werden.

²) Nägelsbach's Gymnasialpädagogik, herausgegeben von Autenrieth II. Aufl. p. 98 99.

a) Dr. J. Rothfuchs: Pädagogisch-didaktische Aphorismen über Syntaxis ornata, Extemporiren, Construiren, Prae- pariren. Marburger Gymnasial-Programm 1875. Ich verfehle nicht, auf diese durch Gediegenheit und ächt päda- gogische Gründlichkeit sich auszeichnende Arbeit ganz besonders aufmerksam zu machen.