Aufsatz 
Quaestiones de Euripides Hercule furente / scripsit Iulius Zastra
Entstehung
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miſtiſche Kaplanſtelle in Lublinitz und von da kam ich nach Gleiwitz, wo ich durch drei volle Jahre

an der Seite des, um Staat und Kirche nicht wenig verdienten Herrn Erzprieſters Hänſel, Rit⸗

ter des eiſernen Kreuzes ꝛc. als volniſcher Seelſorger fungirte und unter dem frommen, wenn gleich durch die Ungunſt der Verhältniſſe vielfach vernachläßigten, aber bildungsfähigen und empfänglichen

Menſchenſchlage manche geiſtige Freude genoß. Zweifelsohne würde ich die Seelſorge nie mehr aus

ganz eigenem Antriebe verlaſſen haben, wenn mich nicht der hochverehrte Herr Regierungsrath Dr.

Vogel in Folge einer zufälligen Bekanntſchaft zur Annahme der projektirten Seminardirektorſtelle

in dem polniſchen Czarnowanz aufgefordert hätte. Meine früher gehegte Vorliebe für das höhere

Lehrfach wurde durch dieſe Aufforderung wieder wach und ich meinte in dieſem, ohne mein Zuthun an mich ergangenen Antrage einen höhern Ruf ſehen zu dürfen. Von da an nahm ich in den zwar ſeltenen Freiſtunden die dahin einſchlägigen Studien wieder auf und als die Realiſirung des, in Betreff des Schullehrerſeminars gemachten Plans in die ungewiſſe Zukunft verſetzt wurde, beſchloß ich im Sommer vorigen Jahres das Gymnaſialreligionslehrer⸗Examen abzulegen, um mich dann um die neuzugründende zweite Religionslehrerſtelle am hieſigen Gymnaſium bewerben zu können. Beides geſchah im Juli vorigen Jahres; der baldige Erfolg der Bewerbung blieb aber aus. Erſt der leider allzufrühe Tod des um das Gymnaſium hochverdienten Religionslehrers und Regens Stenzel, an deſſen Seite ich zu wirken gehofft, und von deſſen Erfahrung, Umſicht und Charakterſtärke ich mir nicht wenig Nutzen verſprochen hatte, brachte in meinem Leben einen neuen Lebensabſchnitt hervor. Unter dem 5. März a. c. erhielt ich von Einem Hochlöblichen Provinzial⸗Schul⸗Collegium die Anzeige, daß ich vom Hohen Miniſterium zum erſten Religionslehrer hierſelbſt definitiv ernannt worden ſei und mit dem Beginne des Sommerhalbjahres das neue Amt antreten ſolle. Ich ge⸗ horchte. Nach meiner Ankunft in Breslau wurde mir außer dem Religionslehrer⸗Amte durch Herrn Director Dr. und Profeſſor Wiſſowa auch noch die Regentur des Convictorij proviſoriſch übertragen. Möge der allgütige Gott, der Geber jeder guten Gabe, mir den mitgebrachten gu⸗ ten Willen erhalten und mir Kraft und Gnade geben, den mir nun gewordenen Obliegenheiten zum Segen der Anſtalt und zu meinem und der lieben Jugend Heile nachkommen zu können!

Am 28. April als dem Bußtage führte der Seminardirector Baucke die von ihm vorberei⸗ teten Schüler, wie oben bereits erwähnt iſt, zum erſten Male zum Tiſche des Herrn.

Des Auszugs der Turner in Verein mit allen übrigen Mitgliedern der ſtädtiſchen Turnanſtalt am 11. Mai iſt oben auch bereits gedacht worden. Die Feſtrede hielt der Director des Eliſabetans Herr Dr. Fickert. Bei dem hierauf folgenden Schauturnen der Anmänner zeigten, nach dem Urtheile des Turnlehrers Rödelius, die Anmänner unſers Gymnaſiums zwar nicht eine glänzende Fertigkeit Einzelner, dagegen eine beſonders ſchätzenswerthe gemeinſchaftliche gleichmäßige Ausbildung

Aller, Folge eines im Ganzen recht regelmäßigen Beſuchs im Winter. 3

Am 18. Mai machte das Gymnaſium, vom Wetter begünſtigt, ſeinen jährlichen Frühlings⸗ ſpaziergang nach Oswitz, an welchem, gegen die frühern Frühlingsfeßfe, nichts vermißt wurde, als der thätigſte Theilnehmer, der Religionslehrer Stenzel. Mit achtungswerther Pietät brachten daher auch die Sänger der Anſtalt am Spätabend bei der Rückkehr dem Verſtorbenen einen Geſang am Grabe, bei dem ſie ihr Weg vorüberführte.

Die Pfingſtferien währten vom 22. bis 30. Mai, beide Tage eingeſchloſſen. Nach denſelben ward die dritte Cenſur in den Tagen vom 14. bis 19. Juni gehalten und der Erfolg in ſchrift⸗ licher Ausfertigung den Schülern übergeben.