Aufsatz 
Beschreibung und Einweihung des Neubaus
Entstehung
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S)

Die Oberrealschule weiß die Bedeutmig der fremden, sowohl der lebenden als» der« toten Sprachen wohl zu schätzeti und zu würdigen. Sie stellt aber nicht diese, sondern die Realien m den Mittelpunkt ihres Unterrichts. Mathematik und Naturwissenschaft erfahren darum in diesen Schuleii eine viel intensivere Behandlung

Wie das praktische Leben an den Einzelnen größere Anforderungen stellt, so muß auch der Schüler besser vorbereitet werden und tiefer« in den Stoff dieser Fächer« eindringen. Die Methode hat also eine ganz andere werden müssen, als sie früher war.

Die Mathematik behandelt nicht mehr starre Figuren, sondern sie läßt die Größen sich ändern und betrachtet diese Änderungen in ihrer Abhängigkeit von anderen Größen, d. h. als Funktionen der- selben. Neben der Pflege dieses funktionalen Denkens tritt die Ausbildung des räumlichen Anschauung-s- vermögens in deii Vordergrund. Darum sind mathematische Modelle, darum ist neben dem Freihand- Zeichnen ein besonderes geometrisches Zeichnen mit der darstellenden Geometrie notwendig. Deshalb mußte fin« die Beschaffung eines zweckentsprechenden Zeichenraums gesorgt werden-. Dieser liegt nach Norden im obersten Stockwerk mit wenig ändernder Beleuchtung, mit reicher Sammlung in besonderm Nebenräumen.

Die Botanik und Zoologie sind heute nicht mehr die beschreibenden Naturwissenschaften wie früher. Wir betrachten die Pflanze als Lebewesen in ihrer Beziehung zu anderen Pflanzen, zum Boden, zu den Tieren und den Menschen. Wir« sehen sie entstehen und sich ändern unter dem Einflusse ver- schiedener Faktoren. Auch die Pflanze ist eine Funktion und zwar eine Funktion ihrer Umgebung. Also tritt auch hier das funktionale Denken ein. Wir" nennen diesen Zweig der Wissenschaft Biologie. Zu ihrer Erkenntnis ist die Pflege der Beobachtung erforderlich. Wir» bedürfen daher nicht nur reicher Sammlungen, wir müssen fiir" diesen eigenartigen, beobachtenden Unterricht einen besonderen Raum haben, in dem die verschiedenen Zustände in der Entwickelung der Geschöpfe fortwährend beobachtet werden können- Wir brauchen aber auch ziI demselben Zwecke einen besonderen biologischen(botanischen) Garten, der dort im Süden, jenseits des Hauses angelegt werden wird."

Jti Physik und Chemie bildet das Experiment den Ausgangspunkt der zu entwickelnden Lehren und Sätze. Diese experimentellen Vorführungen erheischeii aber eigenartige Einrichtungen für Physik und andere für Chemie· Also können sie sich nicht mit einem einzigen Saale begnügen. Wir haben im mittleren Stockwerk die Physik und im obersten die Chemie. Um den Schüler auch hier beobachteii zu lassen, darf er die Apparate nicht nur aus der Ferne kennen lernen. Er muß sie selbst in die Hand bekommen und mit ihnen hantieren lernen, sie möglichst selbst aufbauen und messende Versuche mit ihnen vornehmen, um daraus entweder die Gesetze selbst abzuleitet1, oder die auf auf anderem Wexxe gewonnenen Sätze zii bestätigen. Dies betreiben wir in den Schülerübungeii, die für Physik und Chemie eingerichtet sind und auch wieder besondere Riiuuie für ihre Zwecke notwendig machen. Es ist selbst- verständlich, daß uns dabei die Anlagen von Zu- und Ableitungen füt« Wasser, Elektrizität, Gas, Saug- und Preßluft unentbehrlich sind.

Auch in den übrigen Fächer«ri stellen wir Beobachtung und Anschauung in den Vordergrund: Unser Turm dort oben dient uns für astronomische Beobachtungen, unsere geographische Sammlung enthält eine Menge vorzüglicheii Anschauungsmaterials und in den Sprachen sind die Lauttafeln und der Besprechung dienende Bilder ein vorzügliches Anschauungsmittel zut· Unterstützung des Unterrichts. Für« die Fortbildung der Lehrer und Schüler ist eine reichhaltige Vibliothek vorhanden.

Die innere Einrichtung hat sehr vieler Vorarbeiten bedurft. Die Vorsteher der einzelnen Institute haben alle recht großen Fleiß aufwenden müssen. Jch halte es für meine Pflicht, zwei Herreit hier besonders zu nennen, es sind die Herren Oberlehrer Zimmer und Rupp, die mit wahrem Bienen- eifer gearbeitet und mit einem Ameisenfleiße alles für ihre physikalischen und chemischen Institute zusammengetragen haben. Ihnen und allen Übrigen, die bei der Einrichtung mitgeholfen haben, spreche ich hiermit besten Dank aus·

Dies alles zu erreichen, ist aber nur möglich gewesen durch das schöne Verhältnis, das beim Zusammenarbeiten zwischen Gemeindevertretung und Schule bestand. Der Bürgermeisterei und dem Gemeinderat sage ich dafür innigen Dank-

Und so übernehme ich denn diesenBau mit der Verpflichtung, dafür zri sorgen, daß hier unsere Jugend in der Weise, wie ich es angedeutet habe,-unterwiesen wird. Jch hoffe, daß Gott uns zur Erfüllung und Vollendung Kraft und Gnade verleiht. Möge der Umstand, daß während der ganzen Bauzeit kein einziger Unfall sich ereignet hat, eine gute Vorbedeutung für« die Zukunft dieser Schule sein.«

Nach dem folgenden Gesang des Schülerchors:»Lasset uns singen««(Ebeling 1666) trug der Primaner Richard Waldeck das von Herrn Lehramtsassessor Graeber verfaßte Weihegedicht vor.

g I i un sollen hell die Feierglocken läuten, 2. Nun stehtdas Haus im Glanz der Herbstessoiinen , Von hohen Masten sollen Flaggen weh'n; Und reckt die Mauerii hoch zum Himmel an.

Denti Großes will der Tag für uns bedeuten, Der Schule ward ein würdig Heim gewonnen,

Weil herrlich heut soll in Erfüllung gehn, Der Jugend gilt, was täglich hier getan.

Was wir in kühnen Träumen lang erstrebten, Der Stadt zur Zier ist dieser Bau geschaffen,

Was unsrer stillen Hoffnung reiches Ziel, Ein Denkmal heimischen Fleißes, heimischer Arti

Und was viel starke Hände emsig webten, Ein jung Geschlecht soll stählen hier die Waffen

Daß uns das Wer·k als Ganzes wohl gefiel. Zuin Lebenskampf, der grad der Jugend harrt.