Aufsatz 
Kurze Nachricht über die geschichtlichen und rechtlichen Verhältnisse der evangelisch-reformierten Stadt- und Universitätskirche zu Marburg / vom ... Wolff
Entstehung
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Die gegenwärtige evangeliſch⸗reformierte Stadt⸗ und Univerſitäts⸗Kirche zu Marburg, welche ſeit dem Nachſommer 1658 im Beſitze und im ausſchließlichen gottesdienſtlichen Gebrauche der refor⸗ mierten Gemeinde daſelbſt ſich befinde, wurde am Ende des 13ten und am Anfang des 14ten Nhre hunderts von dem Convent des Dominikaner⸗Ordens, welcher ſich 1290 in Marburg niedergelaſſen hatte, aus den milden Gaben frommer Chriſten in den einfachen und nüchternen Formen der ſogenannten reducierten Gotik erbaut. Weßhalb die Ordensbrüder die ganze Kirche nicht im Stile und nach den Größenverhältniſſen des Chors fertig geſtellt, ſondern an den vollendeten Chor nur eine niedrigere zweiſchiffige Halle angefügt haben, iſt bisher nicht klar erwieſen. Indeſſen ſcheint es doch nicht bloß der Mangel an Mitteln geweſen zu ſein, welcher ſie hierzu bewog, ſondern auch die praktiſche Beobachtung, daß der hauptſächlichſte Zweck des Ordens, durch die Predigt auf das Volk zu wirken, ſich leichter in einer Hallenkirche erreichen ließ als in einem Götteshauße mit ſo hohen Gewölben wie der Chor ſie bietet 1). Nachdem die Kirche bis zum 16ten Jahrhundert von den Dominikanern als ein Eigenthum des h. Dominikus beſeſſen und zu ihren verſchiedenen kirchlichen Zwecken gebraucht war, verzichteten die letzten 13 Conventualen des Kloſters mit ihrem Prior Iſengard am 1. Juni 1527 auf ihr Kloſter zu Gunſten der von Philipp dem Großmütigen zu Nardurg gegründeten Univerſität, ſo daß das alte Gotteshaus als ein Teil der ganzen Niederlaſſung von jetzt an ein Eigentum der neuen Hochſchule wurde und zu deren freier Verfuͤgung ſtand ²). Doch die Univerſität wußte niemals recht, was ſie mit der ihr überlaſſenen Kirche machen ſollte und behielt dieſelbe nur bis zum Jahre 1579. Schon um 1530 erlaubten mehrere Rektoren nach einander dem Marburger Arzt und Profeſſor Rhode, ſich in einem abgelegenen Theil der Kirche eine Officin mit einer Vorrathskammer anzulegen ³). Daneben wurde zuweilen noch wie im Mittelalter ein Begräbnis mit einer Leichenfeier darin vorgenommen. Im übrigen dagegen blieb dieſelbe gänzlich unbenutzt und wurde nach außen wie nach innen immer mehr verwahrloſt.

In der That hatte die Univerſität an der Erhaltung der Kirche nur ein ſehr geringes Intereſſe. Denn beſondere Univerſitäts⸗Gottesdienſte, zu welchen man dieſelbe hätte verwenden können, fanden weder damals noch ſpäter in Marburg ſtatt; vielmehr benutzten die Profeſſoren und Studenten zum öffentlichen Gottesdienſt und zu Doktorpromotionen bereits eine andere, völlig ausreichende Kirche, nämlich die große Stadtkirche am Schloßberg, die jetzige lutheriſche Pfarrkirche 4). In dieſer war ſchon 1531 durch Vermittelung des Kanzlers Feige, doch auf Koſten der Stadtkirchenkaſſe, ein beſon⸗ derer Stand mit Sitzplätzen für die Mitglieder der Univerſität eingerichtet worden*). Während daher

Statiſtik der deutſchen Kunſt des Mittelalters I, 422 flg.; Derſelbe:

1 f g der Kirche bei W. Lotz: 8 2 ) Belchreſbnng der irc b Vergl. Chriſtliches Kunſtblatt für Kirche, Schule

Inventarium der Baudenkmäler im Reg.⸗Bez. Caſſel, S. 135 136.

und Haus, Jahrg. 1882, S. 42.. 2... 85 CSheden studiosorum, fol. 8, a, im Progr. der Univerſ. z. Geburtstag des Königs v. J. 1872, S. 3 u. 7. 3) Catal. stud. fol. 102, a, im Progr. d. Univ. z. Geburtstag des Königs v. J. 1878, S. 34. Vergl. Strieder XII, 1 über den Arzt und Profeſſor Rhode. 4 1. 4) Beitrag zu einer Geſchichte und Beſchreibung der lutheriſchen Pfarrkirche in Marburg, 1. Heft; Marburg 1827, S. 71 75. Rettung und fernere Ausführung der Motiven u. ſ. w., Gießen 1606, S. 129. 5) Catal. stud. fol. 19, a, im Pr. d. Univ. z. G. d. K. v. J. 1872, S. 8.