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hatte sich der Dichter mit dem Stoff doch schon lange innerlich beschäftigt und war sich namentlich darüber klar geworden, wie griechische Menschen beschaffen erscheinen müssten, um unseren heutigen sittlichen Anschauungen und Anforderungen gerecht zu werden. Diese erste Bearbeitung war eine prosaische, dazu bestimmt, vor dem fürstlichen Hofe von Mitgliedern desselben dargestellt zu werden. Bei der ersten zu Weimar am 6. April 1779 stattfindenden Aufführung spielte Göthe selbst den Orestes, Prinz Constantin den Pylades, die Schauspielerin Korona Schröter die Iphigenie, Göthes Freund Knebel den Thoas, ein Konsistorialsekretär, Seidler, den Arkas. Bei einer Aufführung im Juli desselben Jahres, zu Ettersburg, wurde Pylades vom Herzog Karl August selbst dargestellt.
Wie sehr den Dichter das Stück nach Inhalt und Form innerlich beschäftigte, das geht aus den verschiedenen Umarbeitungen hervor, die er demselben zuteil werden liess. Fünf Bearbeitungen, darunter drei in Versen, lassen sich unterscheiden; die letzte ist die uns vor- liegende in Italien vollendete, die er mit Recht als sein Schmerzenskind bezeichnen konnte, als er sie am 6. Januar 1787 als vollendet nach Weimar abschickte.
„Alle menschlichen Gebrechen
Sühnet reine Menschlichkeit“, so schrieb Göthe selbst in einen Abdruck des Stückes, den er einem Schauspieler schenkte, und bezeichnete damit den Grundgedanken, wonach durch die reine, edle Menschlichkeit Iphi- geniens der schuldbeladene Bruder entsühnt, das ganze Haus Agamemnons wieder geheiligt werden sollte.
Ergriffen von tiefer Sehnsucht nach der Heimat— damit beginnt das Stück— tritt Iphigenie, wie schon so oft, hinaus aus dem Tempel in die Schatten des heiligen Hains, um den Lüften ihr Leid zu klagen,„das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Der Wille der Artemis, die sie in Aulis vor dem Opfertod bewahrt hat, hält sie hier fest in der Göttin Dienst. Sie sollte diesen, von Dankbarkeit durchdrungen, freudig üben, aber noch hat ihr Herz, trotzdem so manches Jahr verflossen, sich nicht an die Fremde gewöhnen können, noch hofft sie auf den Tag, der ihr die Heimkehr bringen soll aus den ernsten, heil'gen Sklaven- banden, in welchen der edle König Thoas, in welchen der Göttin hoher Wille sie am Gestade der Taurier zurückhält. Wenn dem Fürsten Agamemnon, den Artemis, als sie die Opferung der Tochter forderte, nur ängstigend strafen, nicht des Kindes berauben wollte, Sieg und Rück- kehr bereitet ist, wenn ihm Gattin und Sohn und die Tochter Elektra erhalten sind, dann darf auch Iphigenie, die verstossene Tochter, hoffen, dass Diana sie von dem Leben in der Fremde, dem zweiten Tode, erretten wird.
So hat uns der Dichter auch durch Iphigeniens Mund, wie Euripides, aber in durchaus ungezwungener Weise mit der Person und den Schicksalen der Heldin, mit der Richtung ihrer Gedanken und Gefühle, ihrer Hoffnungen und Wünsche bekannt gemacht. An die Stelle des an die Zuschauer gerichteten Prologs bei Euripides ist ein Monolog, ein Selbstgespräch ge- treten, in welchem sich Iphigenie von ihrem ganzen Gemütszustand Rechenschaft gab, dem Zuschauer dabei offenbarend, was diesem zu wissen notwendig ist.
Was sie bisher gethan im Lande der Scythen, muss uns Arkas, des Königs Diener, mitteilen, welcher jetzt erscheint, um die Ankunft des siegreichen Königs zu verkünden, der der Göttin danken will, zugleich auch hofft, dass Iphigenie seinem Liebeswerben nicht länger widerstehen und ihm ein neues, glückliches Heim schaffen wird. Nur mit der ernsten Priesterin


