Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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Freilich hat ihn die Göttin der Wahrheit, die himmlische, Urania, welche alle Künstler leitet, wie wir von Schiller wissen, erst auf diesen richtigen Weg bringen müssen, sie hat ihn davor behütet, in sich den UÜbermenschen zu sehen, der sich um die Welt nicht zu bekümmern brauche, sie hat es ihm als Aufgabe des Dichters zum Bewusstsein gebracht: zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und Menschen zu sein. Sie musste dem Irrenden, der sein Glück nur mit sich selbst geniessen, ihr holdes Licht verdecken und verschliessen wollte, lächelnd seinen Irrtum benehmen:

Du siehst, wie klug, So glaubst du dich schon UÜbermensch genug, Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen! Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!

Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug, Wie viel bist du von andern unterschieden? Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen, Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!

Die Pflicht des Mannes ist zu wirken an dem Platz in der menschlichen Gesellschaft, auf den er gestellt ist, die Pflicht des Dichters also, Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und Menschen zu sein. Er darf sich nicht für besser halten, weil ihm eine köstliche Gabe verliehen. Der Unter- schied von der übrigen Welt ist ein so geringer, in Frieden muss er mit ihr leben, in ihre Forderungen sich schicken. Hiernach hatte der Dichter der Tragödie Tasso die Aufgabe mit dieser Tragödie der Mitwelt eine belehrende Wahrheit zu verkünden. Und für den Dichter Tasso können wir aus den Worten der Göttin Wahrheit die Verpflichtung ableiten die Sitte nicht gering zu achten, nicht sich zum Mass aller Dinge zu machen, sondern eine feste Schranke des Geziemenden anzuerkennen, die keiner, auch der Hochgestellte nicht, ungestraft überschreiten darf. Wer die Sitte nicht achtet, für den verlieren auch die Forderungen der Sittlichkeit ihre Herrschermacht, er verletzt nicht bloss zeitliche, sondern ewige Gesetze, er belädt sich mit Schuld, und alle Schuld rächt sich auf Erden.

Vilmar schildert Tasso und seine Schuld folgendermassen:Der Dichter lebt in der Welt der Ideeen, der dichterischen Anschauungen, der poetischen Bilder in der Welt der dichterischen Freiheit und Seligkeit und in dieser Welt der Poesie lebt er im tiefsten Genuss und bewegt sich in derselben mit voller Sicherheit und überlegener Herrschaft: seines guten Rechtes in diesem Gebiete, seiner Würde und der inneren Notwendigkeit und Wahrheit seines Dichterlebens ist er sich auf das vollkommenste und stärkste bewusst; aber er vermag dennoch ob ihm gleich ein so weites und so reiches Gebiet seiner Wirksamkeit und Herrschaft gegeben ist wie wenigen Menschen er vermag dennoch nicht dies als sein rechtes, ausschliessliches, einziges Gebiet anzuerkennen, er vermag es nicht über sich, die Welt der Wirklichkeit zu verschmähen, d. h. sie innerlich, durch die Kraft seines dichterischen Geistes, zu überwinden; er lässt sich von ihr reizen, anziehen, locken und sich verleiten die Bilder seiner Dichtung in dieselbe überzutragen, unbedacht und seine Schranken überspringend in dieselbe einzugreifen. Darum lauert denn auf ihn die Welt, um in sein Leben die Schuld und die Täuschung hineinzuwerfen Antonio gilt Vilmar als Vermittler der ersten, die Gräfin Leonore als Ausführerin der zweiten, ich möchte sagen, mystischen Beteiligung der Welt bei Tassos Schuld und ihn zuletzt bis zur Masslosigkeit und Vernichtung der Freude des eigenen Daseins fortzureissen. Er hat eine Heimat gesucht und gefunden, er hat sich eine Heimat geschaffen: seine Heimat, die stille, friedliche Dichterheimat ist da, wo sein Gedicht ent- standen ist, wo es sich an seinen Umgebungen emporgerankt, sich an sie mit tausend Fäden, tausend feinen Wurzeln festgesogen hat, seine Heimat ist da, wo seine Dichterliebe blüht; und aus dieser