Aufsatz 
Ein Beitrag zur Frage der Auswahl lateinischer Musterbeispiele
Entstehung
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Programm Univ.-Bibl.

| Giessen Beilage zum Jahresbericht der Grossherzoglichen Realschule und des Progymnasıü

zu Alzey. Ostern 1900. En

7 DU IWV: Lehrerbibliotsek]

treslscule Giessen

Ein Beitrag zur Frage der Auswahl lateinischer Musterbeispiele.

Von Dr. Friedrich Wissmann.

Die vorliegende Arbeit hat lediglich den praktischen Zweck, den. Progymnasiasten unserer Anstalt einen gedruckten Kanon von Musterbeispielen zur lateinischen Syntax in die Hand zu geben. Er.ist von mir im Anschluss an die hier eingeführte Grammatik von Ellendt-Seyffert-Fries (43. Aufl.) aufgestellt und von den derzeitigen Lateinlehrern angenommen worden. Bisher liessen wir in der Regel die in dieser Grammatik durch Kursivdruck hervorgehobenen Sätze als Muster- beispiele lernen, machten jedoch dabei die Erfahrung, dass die meisten schon in der nächsten Klasse wieder vergessen oder doch nicht so gegenwärtig waren, um jederzeit darauf zurückgreifen zu können. Ein Musterbeispiel hat aber nur dann einen Wert, wenn es, wie der Lehrplan für die Gymnasien des Grossherzogtums Hessen von 1893, S. 7 verlangt, durch alle Klassen beibehalten wird. Wie ja jeder Fachgenosse, der in den oberen Klassen unter- richtet, aus eigener Erfahrung weiss, sind die Fälle gar häufig, wo ein präsentes Muster- beispiel lange grammatische oder stilistische Erörterungen erspart. So führt A. Waldeck(Ztschr. f. d. G.-W. Bd. 50[1896], S. 547) mehrere Stellen aus der Lektüre an, wo der Schüler durch die Erinnerung an das betreffende Musterbeispiel sofort die richtige Uebersetzung gefunden hat. Ich erinnere ausserdem an den Vorschlag von Herm. Schiller(Hdbch. d. prakt. Pädagogik, S. 444), der dahin geht, in den oberen Klassen grammatische Regeln derart zu wieder- holen, dass man zum Beweise des Verständnisses das analoge Musterbeispiel dem in der Lektüre sich findenden Fall an die Seite stellen lässt. Eine derartige Verwendung des Musterbeispiels ist natürlich nur dann möglich, wenn es ein fester geistiger Besitz des Schülers geworden ist, über den der Lehrer zu jeder Stunde verfügen kann. Ist es das nicht, so muss man allerdings P. Dettweiler beistimmen, der in seinem BucheDidaktik und Methodik des lateinischen Unterrichts, S. 36 sagt, diemeisten Musterbeispiele seienbei dem jetzt herrschenden oder wenigstens angestrebten entwickelnden Betriebe ein totes Kapital und nur eine Tradition des früheren selbständigen Grammatikbetriebes.*

Von diesen allgemeinen Erwägungen ausgehend, habe ich es unternommen, an die Stelle unseres früheren Kanons eine neue Sammlung von Musterbeispielen zu setzen,'bei der sich die obige Forderung des hessischen Lehrplans leichter erfüllen liesse. Ob mir dies geglückt ist, mag die Praxis entscheiden. Nach meinen eigenen Erfahrungen wage ich aber schon jetzt zu hoffen,

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