Aufsatz 
Über die Sendung drei berühmter Philosophen von Athen nach Rom im Jahre 155 v. Chr / Wiskemann
Entstehung
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Trugschlüssen ¹) erheben. Die Dialektik ist wie die Penelope, die ihr Gewebe wieder auflöst, sie ist ein Polyp, der seine eignen Arme auffrisst, aber Andere nicht bezwingt ²). Wir besitzen sonach kein Organ, mittelst dessen wir die Wahrheit von dem Irrthum unterscheiden, wir entbehren daher des festen Wissens, der Wissenschaft, der Wahrheit ³)-

Von dieser Erkenntnisstheorie aus bekämpfte Karneades siegreich allé seine Geg- ner, besonders den Dogmatismus der Stoiker 4). Ich übergehe die Zweifel, die er ihren Beweisen hinsichtlich des Daseins der Götter, der Vorsehung, der Weltregierung, der Weissagung entgegensetzte und die allerdings nicht blos den Volksglauben, sondern auch die wissenschaftlichen Ueberzeugungen seiner Gegner in einem zweifelhaften Lichte erscheinen liessen. Doch muss man aus diesen, zum grossen Theil vernichtenden An- griſfen nicht den Schluss ziehen, dass Karneades selbst an nichts Göttliches geglaubt habe, er wollte nur zeigen, dass die aufgestellten Beweise nicht ausreichten).

Neben der negativen Seite hat die Philosophie des Karneades noch eine positive. Wiewohl er behauptete, dass es überall an einem sichern Kennzeichen der Wahrheit fehle, so behauptete er doch nicht, dass Alles ungewiss sei°). Nicht all' unsre Vor- stellungen haben denselben Grad der Ungewissheit. Die einen haben mehr für sich als die andern, die einen erscheinen wahrer als die andern. Diese Wahrscheinlichkeit muss bei unserm Denken und Handeln unser Führer sein. Sie ist uns zu beiden nothwendig. Ohne sie wäre alles Denken haltlos, in unserm Handeln könnten wir uns zu Nichts bestimmen, das Glück unsres Lebens wäre auf das Spiel gesetzt?). Karneades ent- wickelt von diesem Punkte aus seine Theorie der Wahrscheinlichkeit in scharfsinnigster

¹) Cio. Acad. II, 30, 95 wird als Beispiel der sogenannte eudéevo⸗ angeführt: Si te mentiri dicis, idque verum dicis, mentiris.

²) Zeller III, 1, 459.

5) Er wollte auch das nicht als ein Wissen gelten lassen, dass wir Nichts wüssten. Cic. Acad. II, 9, 28. Daher die r, die Karneades mit dem Vorhalten des Schildes und dem Anhalten des Wagenlenkers vergleicht. Cic. ad. Att. XIII, 21;3 vgl. Acad. II, 48, 148.

4) Cic. N. D. I, 2, 4.

³) Cic. N. D. III, 17, 44. Haec Carneades ajebat, non ut deos tolleret, quid enim philosopho minus conveniens? sed ut Stoicos nihil de diis explicare convinceret.

) Numen. b. Eus. praep. ev. XIV, 7, 12:.ρρ⁴ It elvan AiNod at Axxααmάνmο, vz dvra iev slvas xaτ‿dↄμάρστ, 00 xdyra na.

) Cic. Acad. II, 31, 99: quare ita placere: tale visum nullum esse, ut perceptio consequeretur, ut autem probatio, multa. Etenim contra naturam esset, si probabile nihil esset. Et sequitur omnis vitae eversio etc, Vgl. 32, 103 ff,; Sext, Emp. VlII, 166 ff.

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