Aufsatz 
Über die Sendung drei berühmter Philosophen von Athen nach Rom im Jahre 155 v. Chr / Wiskemann
Entstehung
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noch an den Aetolischen Bund gab ihm neue Kräfte ¹). Unter den grossen Staats- männern und Feldherrn, die noch für die untergehende Freiheit in den Heldentod' ge- hen, findet sich kein Athener. Die Macht und der Glanz der einst so ruhmreichen und stolzen Stadt waren verschwunden. Was von dem frühern Wohlstande übrig geblieben war, wurde in den Kriegen der Römer mit den Syrischen und Macedonischen Königen vernichtet. Es war schlimm, dass man, statt sich auf die eigne Kraft zu stützen, von Bürgern und Fremden Geschenke annahm, es war noch schlimmer, dass man sich Ge- waltthaten erlaubte, um derentwillen harte Strafen über die Stadt verhängt wurden. Mehr die Noth als böser Wille, berichten die Schriftsteller, war es, die die Athener veranlasste, der ihnen unterworfenen Stadt Oropos ²) ein schweres Leid zuzufügen. Worin dasselbe bestanden habe, sagt keiner derselben und es ist schwer, eine Vermu- thung darüber aufaustellen. Man nennt es Verwüstung und Raub. Ob die Athener unter irgend einem Vorwande oder unter irgend welchen Versprechungen den Oropi- ern die Getreidefelder abernteten, ob sie ihnen die Heerden wegnahmen, ob sie ihnen unbillige Lieferungen und Steuern auferlegten Etwas der Art muss es doch wohl gewesen sein, darüber erfahren wir Nichts. In jedem Falle muss es ein arges Un- recht gewesen sein, dessen sich die Athener schuldig machten. Die Oropier nahmen ihre Zuflucht zu dem römischen Senat, der, zumal seit der Besiegung des Perseus, sich fortwährend in die Angelegenheiten Griechenlands einmischte. ³). Man hielt in Rom die Klage der Oropier für begründet, ernannte indess, wahrscheinlich um das Gehässige der Verurtheilung nicht auf sich zu laden und um zugleich die Feindschaft der griechi- schen Staaten gegen einander noch mehr zu steigern, die Sicyonier zu Schiedsrichtern zwischen Oropos und Athen. Die letztern bestimmten darauf einen Termin, an dem beide Parteien erscheinen sollten, indess stellten sich die Athener nicht und wurden

1) Aratus(Plut. Vit. Arat. c. 34) reichte einst einen Theil der Mittel dar, durch die der Piräeus, Munichia, Salamis und Sunium wieder in den Besitz der Athener kamen.

²) Sie lag auf der Grenze zwischen Böotien und Attika, gehörte ursprünglich zu Böotien, war aber schon seit dem Anfang des 5. Jahrhunderts im Besitz von Athen(s. Herod. VI, 100) und blieb es bis 411(Thuc. VIII, 60). Von da an wechselte sie, wie es scheint, wieder öfter ihre Herren (Strab. IX. p. 399). Im Jahre 346 erhalten sie die Athener durch Philipp zurück(s. Pausan. I, 34, 1; Ulpian. ad Demosth. de cor. p. 153, 176 und mehr bei Clinton. Fasti Hellen, conv. a. Krueg. 1830. p. 405).

³) S. u. A. Pausan. VII, 9 ff. Zahlreiche Gesandtschaften gehen damals hin und her, s. Wester- mann, Gesch. der Bereds. in Griech, u. Rom, Leipzig 1833, 1. Th. S. 162.