Aufsatz 
Heinrich Wiskemann's Untersuchungen über den römischen Schauspieler Q. Roscius Gallus
Entstehung
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So sind, hoffe ich, die Augen des Roscius, wenn auch erst nach vielen Jahrhunderten, doch endlich zu Ehren gekommen. Wie konnte ihnen aber überhaupt so Schlimmes nachge- sagt werden? Die Quelle, aus der alle böse Nachrede geflossen ist, haben wir schon oben gesehen, es ist keine andere, als der beste Freund des Roscius, der Redner Cicero, der, wie wir sahen, den Cotta von den oculis perversissimis des Roscius reden lässt. Aber waren denn des Letztern Augen wirklich nicht schielend, trotz dem, dass es doch Cicero sagt? Wie vereinigen sich diese Worte des Cotta mit dem eben geführten Beweise?

Der kürzeste Weg den Widerspruch zu lösen, wäre allerdings der, das Gedicht des Ca- tulus geradezu auf einen andern Roscius zu beziehen und Letzteres haben wirklich Daniel Wyttenbach, Moser und Orelli ¹) gethan. Dass recht wohl ein anderer Roscius gemeint sein kann, ist unzweifelhaft, in diesem Falle wäre es aber allerdings ein sehr arger Zufall gewesen, der dem Roscius schiefe Augen statt seiner schönen graden gegeben hätte. Indess lässt sich nach meiner Ansicht weder das Eine noch das Andere mit Sicherheit ausmachen. Es kann von irgend einem unbekannten Roscius die Rede sein, da jedoch der dort genannte Roscius den Anwesenden sehr bekannt ist, ausserdem die in dem Gedicht selbst liegenden Beziehun- gen immerhin auf unsern Roscius, der früh Morgens auf der Bühne erscheint, die Sonne begrüsst ²) und durch den Zauber seiner Gestalt und seines Spiels den Catulus in das höchste Entzücken versetzt, bezogen werden können, da ferper die Zeit zu dem Ganzen stimmt, in- dem Roscius etwa 115 bis 113 v. Ch. zuerst auftrat, damals aber Catulus ein Mann in sei- nen besten Jahren und als Dichter ohne Zweifel auch für das Schauspiel im höchsten Grade empfänglich war, wage ich es nicht, trotz des Vorganges jener ausgezeichneten Gelehrten, das Gedicht geradezu auf einen andern Roscius zu beziehen. Wie aber, wenn wirklich un- ser Roscius gemeint sein sollte, was fangen wir in diesem Falle mit den oculis perversissimis an? Ich glaube, auch dann giebt es einen Ausweg, und zwar einen solchen, den uns der Zusammenhang, in dem die Stelle vorkommt, selbst angiebt. Cotta legt den allerhöchsten Massstab an die Schönheit des Menschen. Selbst in Athen unter all' den Schaaren der Epheben versichert er, nur einzelne schöne Jünglinge angetroffen zn haben. Nach solchem Massstabe gemessen, ist es wohl denkbar, dass selbst die Augen eines Roscius, die paeti sein mochten, keineswegs ein entstellender Fehler, vielmehr eine Schönheit des Blicks, da paeta selbst ein Beiwort der Göttin der Schönheit ist ³), perversissimi, er selbst aber strabo genannt wurde. In dem Eifer der Widerlegung hat sich Cotta auf einen so einseitigen Stand- punkt gestellt, dass er der Gefahr nicht ausweichen konnte, nicht blos das Schöne nicht mehr schön, sondera sogar unschön zu finden, und es ist nicht zu verwundern, wenn er in

¹) Onom. Tull. p. 513.) Die Römer begannen die scenischen Spiele bisweilen schon am frühen Morgen. Die Inder begrüssten die aufgehende Sonne sogar mit Tanz. Lucian de salt. p. 278. ³) Vgl. Ramshern, lat. Syn. II, S. 173.