Aufsatz 
Heinrich Wiskemann's Untersuchungen über den römischen Schauspieler Q. Roscius Gallus
Entstehung
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Umständen Entschuldigung finden, wenn der Verfasser der nachfolgenden Abhandlung da- durch, dass er das Leben und die Kunst des grössten römischen Schauspielers, ja vielleicht des grössten Schauspielers aller Zeiten, des Q. Roscius, darzustellen unternimmt, einen klei- nen Beitrag zur Geschichte des römiscnen Theaters zu liefern versucht. Beides, Leben und Kunst des Roscius, ist, wie alles Aussergewöhnliche und Vollendete, ohne Zweifel schon an und für sich einer besonderen Schilderung werth, wenn aber noch hinzukommt, dass die künstlerische Wirksamkeit desselben in eine Zeit fiel, in der auf der einen Seite die römische Schauspielkunst überhaupt ihren Höhepunkt erreichte und auf der andern Seite das römi- sche Volk den dramatischen Aufführungen die grösste Theilnahme zuwandte ¹), wenn ferner hinzukommt, dass auf den Roscius nicht blos als Repräsentanten der vollendeten scenischen Kunst, sondern in vielfacher Hlinsicht zugleich als das Vorbild des idealen Redners bei den klassischen Schriftstellern, namentlich bei Cicero, Bezug genommen wird ²), so scheint hierin, auch abgeschen von all' den übrigen gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnissen, in denen sich Roscius befand und von deuen unten gleichfalls die Rede sein wird, eine weitere Veranlassung zu liegen, dem genannten Künstler eine ausführlichere und gründlichere Dar- stellung zu widmen, als ihm bisher zu Theil wurde ³). Ob es mir bei den engen Grenzen,

die dieser Art von Schriften gesteckt sind, und bei dem Mangel an Zeugnissen, der bei meh- reren Abschnitten der Schrift besondere Schwierigkeiten in den Weg legt, gelingen wird, ein einigermassen entsprechendes Bild von meinem Gegenstande zu entwerfen, wird sich am Ende der Untersuchung, zu der ich jetzt übergehe, herausstellen.

Q. Roscius Gallus, denn dies ist sein vollständiger Name), wurde als Sklave in

1) Nach Tac. Ann. XIV, 20 u. 21 sind drei Entwickelungsstufen, die freilich zunächst nach äussern Merk- malen bestimmt werden, in der römischen Theatergeschichte zu unterscheiden In der ersten schaute das Volk stehend zu, und die Scene bestand in einem Gerüste; diese erste Periodo reicht bis 154 v. Ch. Die zweite dauert von 154 bis 55 v. Ch. und in sie fallen die gradus subitarii et scena in tempus structa des Tacitus, zu- gleich aber auch die langjährige und für die scenische Kunst so bedeutsame Wirksamkeit des Roscius. Die

dritte Periode beginnt mit 55 v. Ch., wo durch Pompejus das erste stehende Theater errichtet wurde.

²) Cic. de or. 1, 60: quoniam multa ad oratoris similitudinem ab uno artiſice sumimus etc.

³) Von dem Schauspicler Roscius handelt bereits ein in den Mem. de l'Acad. Roy. des Insc. et belles Lett. T. IV p. 437 ff. beſindlicher und von dem Abbé Fraquier gehaltener, jedoch auf den Gegenstand, was vor einer grössern Versammlung auch nicht möglich war, nicht tiefer eingehender Vortrag. Desgleichen findet sich ein kleiner dürftiger Auſsatz über den Roscius in der Allg. Schulzig. 1830. II. Nr. 73. Viel befriedigender ist, was Grysar am Schlusse einer längeren Erörterung über das römische Theater ebend. 1832.§. 365 ff. über die Schauspieler Aesop und Roscius sagt, insofern dort die Stellen der alten Schriftsteller, welche sich auf unsern Künstler beziehen, zum grössten Theile angegeben sind. Das letztere ist auch in dem aus Grysar's Darstellung hervorgegangenen kurzen Artikel in Pauly's Real-Enc. B. VI, S. 550 von Ladewig geschehen.

*) Vergl. Diomedes p. 486 ed. Putsch, eine Stelle, die später noch näher zu betrachten sein wird, und die Schol. bob. in or. p. Arch. p. 357 bei Orelli: Quintum Roscium Gallum dicit etc. Ob der Beiname Gallus

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