Aufsatz 
Zur Geschichte der Heimsuchung und Zerstörung der freien Reichsstadt Worms durch die Franzosen in den Jahren 1688 und 1689 : nebst einer Berechnung des dadurch verursachten pecuniären Schadens : nach noch vorhandenen handschriftlichen Berichten, theils in Prosa theils in Versen, durch den Druck veröffentlicht / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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Dorwort.

Geſchichtsbilder aus den Tagen der Schmach Deutſchlands gerade jetzt nach Wiederherſtellung des deutſchen Reiches hervorzuſuchen, wird keiner Einleitung bei Verſtändigen bedürfen. Jene haben zwar nunmehr den Zweck und die Kraft der Warnung, Gott Lob, verloren; aber außer dem localen Intereſſe haben ſie noch einen zweifachen Nutzen. Erſtlich können ſie immer noch die Liebe zu unſeren gemeinſamen Errungenſchaften ſtärken, indem ſie zeigen, was aus einem Volk werden kann, und was ein Nachbar gegen ſolches ſich erlaubt, das ſein inniges Zuſammenhalten ein⸗ gebüßt hat. Zweitens ſind ſolche Bilder zugleich die geeigneteſten Spiegelbilder für unſere ſeit Sedan Revanche rufenden feindlichen Nachbarn und unterſtützen nicht wenig die immer mehr ſich vergrößernde Zahl der vernünftigen Friedensprediger unter denſelben.* Die von Hermann Kurz(meiſt aus dem Archive von Eßlingen) neulich(Stuttg. 1871) herausgegebenenGeſchichts⸗ bilder aus der Melac's Zeit haben wenigſtens in der Nähe wie in der Ferne eine freund⸗ liche Aufnahme gefunden.

Was die von mir hier veröffentlichten Berichte ähnlichen Inhalts anbelangt, ſo wird der proſaiſche Theil desſelben wohl keinen Anſtand finden; denn er erinnert an die neulich von Herrn Prof. Dr. Oncken(in der Zeitſchrift für die Geſchichte des Oberrheins und Karlsruhe 1871) veröffentlichte Authentiſche Erzählung von der Zerſtörung der Stadt Worms durch die Franzofen im Jahr 1689, welche mit mehr Gelehrſamkeit und Rhetorik aus⸗ geſtattet iſt. Unſere Erzählung iſt kürzer, einfacher und hat jeden Falles den Vorzug der Schadenberechnung; dagegen wird der poetiſche nicht nach dem Geſchmacke aller ſein. Solche Erzeugniſſe wollen indeſſen erſtlich wie alle der Vorzeit nicht nach dem heutigen Maßſtab ge⸗ meſſen werden. Dann ſind Geſinnung und Character unſeres wackeren Lehrers Ruſt ohne allen Zweifel beſſer als viele ſeiner Verſe, die ihm nur als Form zum Ausdrucke ſeines gerechten Schmerzes und verzeihlichen Unmuthes dienten. Zu wünſchen wäre zwar, der Mann hätte ſeinen Fluch aufdie

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*) Wie ein Deputierte nach den Berichten der Augsb. Allg. Ztg. 1872, Nr. 152.Man denke, bemerkte letzterer u. a.,an die Erfolge, welche in Preußen nach 1806 Männer, wie Stein, Scharnhorſt, Fichte, Arndt, W. v. Humboldt zc. lediglich mit moraliſchen Mitteln erzielt haben. Auch ich möchte Ihnen zurufen: Bekennen wir unſere Irrthümer und unſere Fehler; verhehlen wir uns nicht, daß wir jetzt außer Stande ſind, ſie wieder gut zu machen; arbeiten wir für die Zukunft, durch die Reform der nationalen Erziehung und der Armee. Der Friede, ja ich ſpreche es muthig aus, der Friede und nicht die Revanche. Die wahre Revanche müſſen wir an uns ſelber nehmen. Die andere wird erſt dann kommen, wenn wir ſie verdient haben werden.