Aufsatz 
Über die Bedingungen des Gedeihens und der Verträglichkeit eines Gymnasiums und einer Realschule in einem Lokale
Entstehung
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aufdringende Frage: Welches ſind die Bedingungen des Gedeihens und der Verträglichkeit in einer ſolchen Doppellehranſtalt unter einem Dache? Eine Frage, deren Ungewöhnlichkeit wenigſtens Ihre Aufmerkſamkeit einigermaßen intereſſieren könnte, wenn es mir auch nicht gelingen ſollte, in der mir geſtatteten Zeit ſie zu Ihrer Zufriedenheit zu beantworten.

Daß zweierlei Körperſchaften überhaupt und insbeſondere zweierlei Schulen unter einem Dache in Abſicht auf Führung zu ihren verſchiedenen Zielen ihre Schwierigkeiten haben, das iſt ohne Weiteres jedem klar, da ſolche ſelbſt in einer einzelnen und unter den einfachſten Verhältniſſen be⸗ ſtehenden Schule mehr oder minder ſich vorfinden; daß ferner zum Beſtehen und Gedeihen jedes Zweierlei unter einem Hute bei aller Verſchiedenheit der Ziele doch eine Art Einheitlichkeit unbedingt nothwendig iſt, das ſagt uns ſchon der allgemeine Spruch: Einheit macht ſtark. In den meiſten Lehranſtalten nun iſt das beſte allgemeine Band die Religion; aber in Folge der hieſigen Parität und Mehrfachheit der Bekenntnißarten(unter den Schülern ſchon öfter 56) können Director und weltliche Lehrer ſelbſtverſtändlich von dieſem allgemeinen und kräftigſten Bande nur vorſichtigen d. h. unzureichenden Gebrauch machen, ſo ſehr ſie auch von der Wahrheit des Spruches überzeugt ſein mögen:die Furcht des Herrn iſt der Anfang der Weisheit. Sie können in dieſer Beziehung eher durch Beiſpiel als durch Worte wirken. Allgemeine Opferwilligkeit und Selbſtverläugnung gewähren, wie überall, ſo auch in der Schule, nebſtdem auch ein allgemeines Band, in Ermanglung des beſſeren, worüber ich früher einmal gelegentlich geſprochen*), aber für beſtimmte Wirklichkeit ſcheinen ſie mitunter zu ideal, nicht greifbar genug. Nach längerer Erfahrung über das Nebeneinander⸗ beſtehen zweier Schulkörper unter einer Leitung(ſeit 1852) haben ſich zwei Hauptbedingungen eines ſolchen Beſtehens herausgeſtellt, bezw. bewährt:

1) eine auf geſunde Logik ſowie auf empiriſche Pſychologie gegründete allgemeine Lehrmethode

und Disciplin;

2) gegenſeitige Achtung beider Körperſchaften.

I.

Da ich über die erſtere dieſer Bedingungen mich ſchon früher gelegentlich geäußert habe**), ſo erlaube ich mir wegen der Kürze der deshalb vergönnten Zeit daraus nur das Weſentliche hier zu wiederholen.

Die Schul⸗Lehrgegenſtäde als Wiſſenſchaften(Theologie, antike wie moderne Philologie, Hiſtorie, Mathematik, Naturwiſſenſchaft u. ſ. w.) ſtehen hinſichtlich ihres einheitlichen Zieles in der Schule ſowohl, wie im Kopf des Schülers neben, oft auch ganz unabſichtlich gegen einander. Da⸗ gegen der nach der angedeuteten Methode lehrende Religionslehrer, Philologe, Hiſtoriker, Mathe⸗ matiker, Phyſiker u. ſ. w. dieſe können und müſſen als rationelle Pädagogen nur ein Ziel haben, die naturgemäße geiſtige Entwicklung ihrer Schüler(ιetæ, eruditio). Dieſer naturgemäßen gei⸗ ſtigen Entwicklung, welche man mit Socrates hinſichtlich des Lehrers die geiſtige Hebammenkunſt, rückſichtlich des Schülers mit einem evangeliſchen Ausdrucke die geiſtige Wiedergeburt nennen könnte, ſolcher natürlichen Entfaltung, ſag' ich, folgt zugleich Stärkung der angebornen göttlichen Anlage

*)Ueber die Aufgabe des(durch parallele Realklaſſen) erweiterten Gymnaſiums zu Worms, abgedruckt in der Darmſt. Gymnaſial⸗Zeitung 1842.

**) 1) Bemerkungen zu der Lehrverfaſſung im Wormſer Gymnaſial⸗Programm 1842, welches die Aufſchrift trug: Praktiſcher Verſuch einer Verſöhnung der feindlichen Prinzipien in dem höheren Unterrichtsweſen; 2) in dem Vorworte der wiſſenſchaftlichen Beigabe zum Programm 1862:Gott, Welt und Menſch. S. 6.