Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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da werden wir wohl vor der Fortſetzung dieſes Gedankens noch eine nähere Unter⸗ ſcheidung vorausſchicken müſſen. Welche?

21. Werden wir zugeben, daß eine Art von Exiſtenz die wirkenden Thätig⸗ keiten haben, durch welche wir Menſchen ſowohl wirken, was wir wirken, als auch überhaupt jedes andre Ding, welches immer etwas wirkt, wie z. B. das Geſicht, das Gehör, wenn du ſo begreifſt, welchen allgemeinen Begriff ich damit bezeichnen will. Nun ja, ich begreife. So höre denn, was für eine Vorſtellung ich über jene Thätigkeiten habe. An einer Thätigkeit ſehe ich weder Farbe, noch Geſtalt, noch ſonſt etwas der Art wie bei vielen andren Dingen, bei deren Anblick ich manche Eigenſchaften bei mir unterſcheide, bald dieſe bald jene; bei der Thätigkeit dagegen ſehe ich bloß darauf, worauf ſie ſich bezieht, und was ſie wirkt; danach bezeichne ich auch jede einzele jener Thätigkeiten: die, welche ſo dasſelbe Ziel und dieſelbe Wirkung hat, nenne ich eine und dieſelbez welche aber ein verſchiedenes Ziel und eine verſchiedene Wirkung hat, die nenne ich eine verſchiedene. Und du, wie verfährſt du? Gerade ſo. Nach dieſer Abſchweifung nun wieder zurück zur Wiſſenſchaft! Gibſt du zu, daß dieſe eine Thätigkeit iſt, oder unter welchen Begriff rechneſt du ſie? Unter den der Thätigkeit, und zwar als die ſtärkſte unter allen Thätigkeiten. Und wie ſieht es ferner mit der Meinung aus? Werden wir ſie unter den Begriff von Thätigkeit oder unter einen andren bringen? Keineswegs unter einen andren; denn das, wodurch wir eine Meinung zu bilden thätig ſind, iſt nichts andres als das Meinen. Und daß Wiſſen und Meinen nicht eines und dasſelbe ſind, das gabſt du doch bekanntlich ganz kurz vorher ſchon zu? Wie ſollte auch ein Menſch mit geſundem Verſtande das ganz Unfehlbare mit dem nicht Unfehlbaren als eines und dasſelbe hin⸗ ſtellen! Ganz ſchön! Und hiemit iſt's ſonnenklar, daß von uns gründlich aus⸗ gemacht iſt: Meinung iſt etwas von Wiſſenſchaft Verſchiedenes. (478) Etwas Verſchiedenes. Alſo bezieht ſich auch jede von ihnen auf ein verſchiedenes Object, da ſie in ihrer urſprünglichen Eigenſchaft etwas Verſchiedenes wirkt. Logiſch nothwendig. Viſſenſchaft einerſeits bezieht ſich doch wohl auf das Sein, um das Weſen desſelben klar einzuſehen? Ja wohl. Die Meinung aber nach unſrer Behauptung, um darüber nur muthmaßlich zu meinen. Ja wohl. Iſt ihr Object dasſelbe, welches die Wiſſenſchaft erkennt, und wird das Object der Wiſſenſchaft und der Meinung dasſelbe ſein? Oder iſt es unmöglich? Den von uns eingeräumten Wahrheiten zufolge unmöglich, dafern nänlich die eine Thätigkeit ſich auf dies, die andre auf jenes Object bezieht, dafern weiter beide Thätigkeiten ſind, ſowohl die Meinung als die Wiſſenſchaft, dafern endlich jede von beiden eine verſchiedene iſt, wie unſre Schlüſſe lauten; nach dieſen iſt es ſelbſtver⸗ ſtändlich unmöglich, daß das Object der Wiſſenſchaft und der Meinung dasſelbe