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20. Aber welche verſtehſt du denn dagegen unter den wahren?— Die, welche ihre Schauluſt auf die Wahrheit) richten.— Der Ausdruck iſt wohl ſchon ganz treffend, aber was verſtehſt du unter Wahrheit?— Gar nicht leicht wäre einem andren Menſchen gegenüber eine Erklärung darüber zu geben; von dir aber glaube ich, daß du dich mit mir durch folgendes Zugeſtändniß einigen wirſt.— Durch welches denn?— Daß das Schöne und Häßliche zwei ſind, weil ſie be⸗ kanntlich einander entgegengeſetzt ſind.—(476) Allerdings.— Und weil ſie zwei ſind, ſo mein' ich denn, daß auch jedes von beiden begrifflich eins iſt.— Auch das iſt richtig.— Ferner über das Gerechte und Ungerechte, über das Gute und Schlechte und überhaupt über alle einheitliche Begriffe gilt dasſelbe Denkgeſetz: ein jeder iſt eine Einheit, aber durch die Theilnahme an Handlungen, an körperlichen Gebilden ſowie durch gegenſeitige Theilnahme der Begriffe**) tritt jeder in das Gebiet der Erſcheinung und erſcheint als eine Mannigfaltigkeit.— Du raiſonniereſt ganz logiſch.— Auf dieſe logiſche Weiſe ſcheide ich Wahrheitsliebe und Neugierde: auf der einen Seite deine eben erwähnten ſchauluſtigen Maul⸗ affen, hörluſtige Kunſtliebhaber und neugierige Geſchäftsleute; auf der andren Seite die in Rede ſtehenden wirklicheen Wißbegierigen, welche allein mit Recht man mit dieſem Namen bezeichnet.— Was iſt der eigentliche Sinn dieſer Schei⸗ dung?— Die mit Ohr und Auge neugierigen Menſchen einerſeits hängen nur an den ſchönen Tönen, Farben und Geſtalten und überhaupt an den aus dieſen ge⸗ ſchaffenen ziemlich wahrnehmbaren Kunſtleiſtungen, aber von dem Schönen an und für ſich vermag ihr Verſtand ſich keine Vorſtellung zu machen und auch keine Freude daran zu haben.— Ich meine denn, das iſt freilich, wie allbekannt, ſo der Fall.— Die aber nun andrerſeits, welche zu dem Schönen an und für ſich oder zu der Idee desſelben vordringen und an deren Betrachtung ſich ergötzen können, ſind das nicht ſeltene Vögel?— Ja ſicher.— Wer nun zwar mannig⸗ faltige ſchöne Gegenſtände, aber das Schöne an und für ſich oder die Idee desſelben nicht anerkennt, auch nicht einem Führer zur Erkenntniß derſelben folgen kann, ſcheint der dir ſonach ein träumendes oder ein wachendes Leben zu führen? Doch hier auf die Bedeutung des Wortes Träumen Acht gegeben! Findet dies nicht dann Statt, wann jemand, ſei es nun im Schlafe oder im wachenden Zu⸗ ſtande, die Copie von irgend einem Gegenſtande nicht für eine Copie ſondern ſie
Menſchen, die Wißbegierde, ein, die wahre Wißbegierde aber nur jenen, deren letztes Ziel das Ewige oder Göttliche iſt. Ueber den Unterſchied von Wißbegierde und Neugierde ſ. unſere Abh.: „Ueber die Stufen der menſchl. Erkenntniß“ im Wormſer Progr. 1841.
*) D. h. das Währende, was„weder Roſt noch Motten freſſen“.
**) Vral. Zeller's plat. Studien, Tübingen 1859, S. 258.


