Aufsatz 
Das dritte Buch des platonischen Gottesstaates : oder: Fortsetzung der Kritik der Literatur behufs einer vernünftigen Jugenderziehung, sodann der Musik und Gymnastik aus demselben Gesichtspunkte, Staatsregenten und Staatsschutzmänner mit goldenen Seelen
Entstehung
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1.(386) Was alſo einerſeits die Darſtellungen der Gottheit betrifft, fuhr ich hier fort, ſo dürften alſo wenigſtens nach dem Ergebniß unſerer Unterſuchung nur die eben bezeichneten etwa die künftigen Staats⸗ und Kriegsmänner gleich von Jugend anhören und nicht hören, wenn ſie die Gottheit und ihre Eltern ehren und die gegenſeitige Freundſchaft für keine Kleinigkeit halten ſollen. Und ich denke einmal, daß dies Ergebniß ſeine Richtigkeit hat. Was meinſt du aber nun über folgenden Punkt? Wenn ſie die Tugend der männlichen Tapferkeit) haben ſollen, muß man ihnen dann nicht ſolche Fabeln und in ſolcher Form erzählen, welche ſie am wenigſten den Tod fürchten läßt? Oder glaubſt du, daß einer näm⸗ lich tapfer ſein würde, wenn er das Schreckbild von jenen in ſeiner Bruſt trägt? Bei Gott, ich einmal nicht. Ferner! Wenn einer an die Geſchichten der Unterwelt und ihre Furchtbarkeiten glaubt, denkſt du da wohl, daß er furchtlos vor dem Tode ſein, daß er in den Schlachten den Tod dem Pardon und der Gefangenſchaft vorziehen werde? Keineswegs. Wir müſſen alſo offenbar auch in Bezug auf dieſe Fabeln über die künftigen Schriftſteller eine Cenſur ausüben und ſie bitten, nicht ſo unbedingt das Reich der Unterwelt in üblen Ruf zu bringen, da ſie weder Wahrheiten noch künftigen Schlachtenkämpfern frommende Dichtungen erzählen. Das müſſen wir allerdings. Da werden wir demnach überhaupt alle Stellen der Art ausſtreichen, vornehmlich folgende epiſchen Verſe:

Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner beſtellen

Einem dürftigen Mann, ohn Erb' und eigenen Wohlſtand,

Als die Jum tlic. Schaar der 1udenen Todten Beherſcen; ar ferner: 42Daß nicht Menſchen erſchien und Unettlichen heine Behauſung,

Fürchterlich dumpf, voll Wuſtes, wovor ſelbſt rouet den Göttern 3* 2

) Die Zöglinge werden außer der im Vorhergehenden empfohlenen Pietät, die auch nach Plato nicht nur der Anfang ſondern der Haupttheil der Weisheit ſſt, zu den vier Cardinal⸗Tugenden (Tapferkeit, Wahrhaftigkeit, beſonnene Selbſtbeherrſchung und Gerechtigkeit) erzogen.

**) Worte des auch noch in der Unterwelt herrſchenden Achilles in Odyſſee XI, 488 ff. an den in die Unterwelt hinabgeſtiegenen Odyſſeus.

***) Worte des Pluto in Ilias XX, 64, der fürchtet, die von Jrus. und Poſeldon efoſttere Erde möge berſten, und dadurch ſein finſteres Reich ſichtbar werden.*