Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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nicht allein von Göttern ſondern auch von Menſchen gehaßt. Scheint mir. Wie ſteht es aber nun mit folgender Frage in Bezug auf die Lüge in Worten: wann und von wem iſt ſie anwendbar, ſo daß ſie nicht haſſenswerth iſt? Nicht wahr, doch erſtlich als Finte gegen die Feinde im Kriege, auch gegen die angeb⸗ lichen Freunde, welche in Wuth oder Unverſtand irgend ein Unheil anrichten wollen, in welchem Momente ſie als Mittel der Abwehr eines Unheils erſcheint; zweitens bei den vorhin genannten Fabel⸗ und Mythen⸗Dichtungen, weil wir aber nicht mehr die urſprüngliche Wahrheit der Urzeit wiſſen, daher wir der Wahrheit die Erdichtung möglichſt ähnlich und dadurch ſo viel als möglich moraliſch anwendbar machen. Ja ſicher iſt die Lüge in dieſen zwei Hauptfällen moraliſch anwendbar.*) In welchem dieſer Fälle iſt nun dem Gotte die Lüge anwendbar? Etwa in dem Falle, daß er die Zuſtände des Alterthums durch Erdichtung nachbildet, weil er die Wahrheit davon nicht weiß? Wäͤre ja doch läͤcherlich. Ein ſchöpferiſches Erdichtungsvermögen iſt ja nach der vorhinigen Unterſuchung bei einem Gott ein Mal für alle Mal nicht möglich. Nein, ich glaube nicht. Aber ſollte er im andren Falle lügen, einmal aus Furcht vor Feinden? Unmöglich. Oder wegen Wuth und Unver⸗ ſtand ſeiner Angehörigen? Aber niemand der Unverſtändigen und Wüthenden iſt Gott befreundet. Demnach gibt es gar keinen Grund, weswegen ein Gott lügen ſollte. Keinen. In gar keiner Beziehung gibt es alſo eine Lüge bei allem dem, was Engel**) oder Gott heißt. Ja hiernach einmal ganz gewiß. Demnach iſt der Gott vollkommen einfach und wahr in That und Wort, ſodann verwandelt er weder ſeine eigenthümliche Geſtalt noch täuſcht er andre in Trugbildern,***) Worten oder Zeichenſendungen, nicht im Wachen oder Traume.(383) So erſcheint es auch mir wenigſtens ſelbſt auf deine logiſche Be⸗ weisführung. Hiemit ſtimmſt du alſo auch bei, daß dies die zweite allgemeine Be⸗ ſtimmung, innerhalb deren Schranke man nur über Cötter fabeln und dichten darf; da ſie keine Gaukler ſind, ſo können ſie erſtlich ſich nicht verwan⸗ deln, zweitens nicht durch Lügen in Wort und That irre führen.

*) Gegner des Plato haben ſeiner Moral vorgeworfen, ſie erlaube die Lüge. Es iſt ſchon oben bemerkt worden, daß das gr. Wort ddos eine ſehr weite Bedeutung hat, ſo daß es ſowohl Lüge als Erdichtung, Täuſchung u. dergl. bedeuten kann. Hiernach könnte z. B. ein Fabeldichter, wie Gellert, im gr. Sinne noch ein Lügner genannt werden. Nach Plato iſt die Quelle aller Wortlügen die Un⸗ wiſſenheit von Gott und den göttlichen Dingen.

**) Mit dieſem Worte überſetze ich hier das griech. dαό⁶νο, welches jedes übermenſchliche (gute oder ſchlimme) Weſen hedeutet und alſo eine viel allgemeinere Bedeutung hat, als 9 ε⁴s. Hier ſteht es offenbar in gutem Sinne, ‚dem das von mir gewählte deutſche Wort entſpricht.

***) Hermann hat Kœrd ꝓανανιααmς aus dem Texte entfernt, worin ich nach den obigen De⸗ ductionen des Plato nicht folgen kann.

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