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ſo ſtellte er ſich doch, als wenn er darauf beſtehen wolle, daß ich darüber mich erklaren ſollte. Endlich gab er denn nach und ſagte dann: Dies iſt ja die Weisheit vom Socrates, daß er ſelbſt zwar nicht lehren, ſondern bei anderen herumgehen und lernen will, und zwar ohne dafür einen Dank zu zollen.— Daß ich von den andern zu lernen ſuche, verſetzte ich, da ſagſt du freilich die Wahrheit, o Thraſymachus; wenn du aber behaupteſt, daß ich dafür keinen Dank erſtatte, ſo irrſt du dich. Ich erſtatte nämlich ſo viel, als ich nur immer vermag. Ich vermag aber bloß Beifall zu zollen; denn Geld habe ich nicht. Wie bereitwillig ich aber dies thue, das ſollſt du denn gleich erfahren, wenn du geantwortet haben wirſt; denn ich glaube, daß dein Vortrag vortrefflich ſein wird.— So höre denn, fieng er an. Ich behaupte nämlich, daß das Gerechte nichts anders ſei, als das dem Gewaltigeren Zu⸗ träglichel Nun, warunm zollſt du denn hierauf kein Lob? Ja ich weiß es, das thuſt du nicht gern.— Wenn ich nur erſt erfahren haben werde, was du damit meinſt; jetzt weiß ich es nämlich noch nicht. Das dem Gewaltigeren Zuträgliche, be⸗ haupteſt du, ſei gerecht. Was willſt du denn nun, o Thraſymachus, damit ſagen? Du behaupteſt ja doch wohl nicht dergleichen wie z. B. Folgendes: Wenn der Erz⸗ boxer Polydamas gewaltiger iſt, als wir, und ihm Stücke Rindfleiſch für ſeinen Leib zuträglich ſind: ſo müſſe denn dieſe Koſt auch für uns, die wir ſchwächer ſind, als jener, zuträglich und zugleich auch gerecht ſein.— Du biſt eben ein Schmier⸗ lapp*), o Soxrrates, und fängſt die Rede immer da auf, wo du ſie am meiſten be⸗ ſudeln kannſt.— Keineswegs, o Beſter, erwiderte ich, drücke doch nur deutlicher aus, was deine eigentliche Anſicht von der Gerechtigkeit iſt.— Du weißt, glaub' ich, wohl noch nicht, fuhr er fort, daß einige von den Staaten eine despotiſche, einige eine demokratiſche, andere eine ariſtokratiſche Verfaſſung haben?— Warum ſollte ich das nicht wiſſen!— In einem jeden Staate hat nun doch die Gewalt die jedesmalige Regierung in den Händen?— Ja wohl.— Und jede Regierung ſtellt ja doch wohl auch Geſetze auf, um das Zuträgliche in ihrem Geiſte zu erſtreben, nämlich die Demo⸗ kratie demokratiſche, die Despotie despotiſche u. ſ. w. Durch dieſe Handlung aber geben ſie zu verſtehen, daß das ihnen Zuträgliche bei ihren Unterthanen gerecht heiße; und wer dies übertritt, den beſtrafen ſie als einen geſetzwidrig und ungerecht Handelnden. Dies iſt es nun, du„o Beſter“**), was nach meiner Behauptung als eins und dasſelbe in allen(339) Staaten gerecht heißt, nämlich: das der beſtehen⸗ den Regierung Zuträgliche. Dieſe aber hat wohl die oberſte Gewalt; daher denn bei ) Dies bei Hollundern üblichere und auch bei unſeren niederen Klaſſen nicht unbekannte Schimpf⸗ wort ſchien mir am beſten das griechiſche Wort 9&1νοοςσ auszudrücken, das einen unflätigen und unverſchämten Menſchen bezeichnet, deſſen Worte und Handlungen Abſcheu und Ekel erregen.
**) Der erbitterte Sophiſt will den Ironiſchen ſpielen, indem er die dem Socrates gewöhnliche
ironiſche Anrede; o Beſter, in ſeiner Antwort gewiſſer Maßen als Schinnpfwort gebraucht; gtuus ich im Deutſchen durch Vorſetzung des du auszudrücken geſucht habe. 12821


